by Jasmin Stahl
Die letzten Momente in diesem GefĂ€ngnis stehen mir bevor. Die paranoide âAlteâ lebt in einer Parallelwelt und hat es auf mich abgesehen. In dieser Welt hat sie die Aufgabe, mich zu vernichten. Ich packe meine wenigen Sachen. Endlich schmeiĂt sie mich raus. Auf ihre GleichgĂŒltigkeit mir gegenĂŒber hab ich die ganze Zeit gehofft. FĂŒr zwei Monate hausiere ich in der Punker-WG auf der anderen StraĂenseite. Dort leben Karsten, Marco und Jessy. Die Jungs lerne ich zuvor im Park kennen, zwei Punks aus dem Osten. Marco wird mein erster Freund werden. Jessy, die Freundin von Karsten ist eine dicke, RTL-sĂŒchtige Frau, mit einem unerzogenen Kind, das in ein Heim gehört. Jessys einzige FĂ€higkeit besteht darin, Maggi-Fix Packungen zu vermasseln. Mein Zimmer: der absolute Horror â der Rottweiler benutzt es als Klo. SprĂŒche an den WĂ€nden und eine SperrmĂŒllmatratze zieren den Raum. Marco und ich knutschen im Dunkeln auf der Matratze. Es gibt keinen Strom in dem Raum. Wir lauschen der Punkmusik aus dem Kassettenrekorder. Lautes Poltern ertönt durch die hundert Quadratmeter groĂe Wohnung. Taschenlampen erhellen das Kot-Zimmer. ScheiĂe, die Bullen! Sie ziehen mich raus. Auf der StraĂe steht âdie Alteâ mit Fotos meiner wilden, 14-tĂ€gigen Party. Ihre Mission ist es, Leute auf der StraĂe mit meinen Exzessfotos zu nerven. Der dicke Bulle meckert: âBei der ist Hopfen und Malz verloren. Stecken Sie des Moidl in a Heim!â Es ist Zeit fĂŒr ein stabileres Umfeld. Eine Schulfreundin bietet mir an bei ihr unterzukommen â mit einer Luxusdusche und liebevoller FĂŒrsorge. Mit der Mutter der Schulfreundin hole ich ein paar Sachen aus dem alten GefĂ€ngnis ab. Selber bin ich vollkommen durcheinander wie ein Nudelsalat. âJasmin hat keine Pflegefamilie verdient!â, schreit âdie Alteâ. Ich solle ins Heim. Ein paar Wochen lebe ich bei der Familie der Schulfreundin und hoffe vergeblich auf die Pflegschaft. âDie Alteâ sitzt auf dem Sorgerecht und verhandelt mit dem Jugendamt eine Heimunterbringung. Ich werde hin und her geschoben. Nun sitze ich in einem CafĂ©, um mich mit jemandem vom Jugendamt zu treffen. Der Geruch von Kaffee und Croissants fĂŒllt meine Nase, als mir plötzlich einfĂ€llt, dass ich noch mit meinen kĂŒrzlich auferlegten Sozialstunden in Schwierigkeiten stecke. âDieser Typ vom Jugendamt teilt mich bestimmt in sinnlose ArbeitseinsĂ€tze ein, um meine Strafe zu verbĂŒĂenâ, denke ich. Vor einigen Wochen probierte ich meine ersten Stahlkappenstiefel aus. Stiefel gegen Laterne: 1:0. Aber dann taucht dieser Mann hier im CafĂ© auf, gekleidet in WeiĂ und so einfĂŒhlsam wie ein Engel in dunkler Zeit. Er erzĂ€hlt mir von einem Jugendwohnheim, das bald mein neues Zuhause sein wird. Auf dem Weg dorthin plaudert er im Auto ĂŒber seine punkige Frau aus Hamburg, die frĂŒher ihre Ratte namens âSiffâ auf der Schulter trug. Ich vertraue ihm bedingungslos. Meine neue Unterkunft ist eine alte Villa. Mein neues Zimmer liegt ganz oben unter dem Dach. Hier kann ich endlich meine TĂŒr hinter mir schlieĂen und zur Ruhe kommen. Die anderen Kids fahren am Wochenende zu ihren Familien. âWieso ist man im Heim, wenn man Eltern hat? Wieso haben die anderen hier Kontakt zu ihren Eltern? Und warum freuen sie sich, wenn sie ein paar Tage bei ihren Eltern verbringen?â Tausende Fragen ĂŒberfluten wieder einmal mein ĂŒberfordertes Gehirn. Aber ich bin froh, dass ich hier sein darf. Wer braucht schon Eltern, wenn man Engel in WeiĂ hat?
© Jasmin Stahl 2024-07-01