by GoldieCandon
Ich fröstelte. Draussen standen die gebrauchten Wagen und ich hatte mir gerade einmal eine dünne Jacke übergeworfen. Dachte wohl, es wäre Frühling. Nun, wer der Realität nicht ins Auge blicken mag, der muss eben mit den Konsequenzen leben. Einfache Antwort von mir zu mir. Wie oft habe ich diesen Spruch schon inhaliert? Noch immer setzt er mir Zweifel zu. “Hier drüben haben wir noch ein paar ältere Modelle”, meinte der Autohändler und deutete auf ein paar alte Busse. VW tippte ich, doch was für ein Model? Keine Ahnung. Was für ein Jahr? Girl, keine Ahnung! Meine “Autokenntnise” sind dadurch schon ziemlich gut definierbar, nicht? Kein Wunder fühlte ich mich hier ein wenig fehl am Platz, doch heute war mir dies vollkommen egal. Schon seit Ewigkeit träumte ich von einem eigenen Camper.
“Dort hinten steht sonst auch noch ein VW-Bus T3”, sagte der Typ und zeigte mir das Auto. Brav folgte ich ihm. Hinter einem etwas neuerem Bus eröffnete sich mir ein Anblick, bei dem mir fast die Kinnlade runterfiel. Nicht, weil das Fahrzeug irgendwie sonderlich speziell war. Nein, es waren die Erinnerungen, die vor meinem inneren Auge auftauchten, sich vor alle anderen Gedanken schoben. “Nein”, sagte ich ungläubig. Es klang fast ein bisschen wie eine Frage für eine Bestätigung, dass es DER Bus war. War es überhaupt derselbe? War es derjenige von Florian und Steffi? Wahrscheinlich gab es Tausende zweifarbige rot und gelb-grüne T3 VW-Busse. Ich trat näher und berührte mit meinen Fingern das schon leicht rostige Blech. Ein Lächeln huschte mir über die Lippen als ich, an den einen Herbst dachte. Der magische, wundervolle Herbst, wie ich ihn gerne nannte. Oder auch der Herbst, nachdem kein einziger Gedanke sich nicht um Steffi gedreht hatte.
“ Alles okay?” Der Händler riss mich aus meinen Erinnerungen. Erschrocken blickte ich auf. Unfähig zu sprechen, also nickte ich nur. Er wusste nichts. Niemand weiß wie ich mich gerade fühle oder wie ich mich damals gefühlt habe. Girl, nach der Bienenwachssache war es so um mich geschehen, dass ich den Blick einfach nicht von ihr abwenden konnte. Es war als hätte ihre Erscheinung etwas Magisches an sich, was mich einfach anzog. Trotzdem hatte ich mich nie getraut Klartext zu sprechen. Ich meine, sie war mit Florian und zwischen uns sind sicher zehn Jahre. Zehn unendliche Jahre. Dazu war sie eine Frau. Ich meine hallo?? Sind das nicht alles genug Gründe es ihr nicht zu sagen? Das sind Ausreden, meinte mein Besserwisser-Ich. Vielleicht. Vielleicht waren wir auch einfach nicht für diese Zeit gemacht.
“Wem gehörte dieser Bus vorher?”, fragte ich plötzlich. Meine Stimme klang heiser und trocken. Ich merkte, dass der Mann sein Gehirn durchkämmte. Es brauchte eine Zeit bis ich aus seinem Blick schließen konnte, dass er sich erinnern konnte. “Ein gewisser Florian, wenn ich mich auf mein Gedächtnis verlassen kann.” Ich erstarrte. Ungläubig. Dieses Mal hatte “der Wahrheit ins Auge blicken” keinen melancholischen Unterton.
© GoldieCandon 2021-03-23