I.

Dion Schumann

by Dion Schumann

Story
hamburg 2016 – 2024

Als er mir den Hörer reichte, umspielte seine Lippen ein infantiles Lächeln. Aus dem Mundwinkel floss erwartungsvoll ein dünner Speichelfaden, lief sein speckiges Kinn hinab und tropfte auf den Kragen seines Shirts. Langsam sickerte die Spucke in den Stoff und verwandelt sich in den konturlosen Umriss eines unbekannten Kontinents. Bert hatte so gut wie keine Zähne im Mund und das Haar auf seinem Kopf war wirr und strähnig. Früher oder später würde es ihm ausgehen, schoss es mir durch den Kopf. „Für dich. Anruf“, quakte Bert und hielt mir demonstrativ den Telefonhörer mit dem kurzen, verknoteten Kabel hin. Ich erwidert mit einem kaum merklichen Kopfnicken. Die Ohrmuschel war zerkratzt und klebrig, als ich sie zu meinem Kopf führte. Berts ständige Körperausflüsse waren überall. Gierig starrte mich das Telefon mit seinen großen, runden Augen unter der Wählscheibe hervor an. Die Nase leuchtet rot und aus dem grinsenden Mund ragten eckige, einst weiße Zähne hervor. Jetzt hatten sie die Farbe von getrockneten Urinflecken auf Klobrillen öffentlicher Toiletten oder den Zehennägeln von alten Männern. Nachdenklich drückte ich auf die leuchtende Nase des alten Spieltelefons und lauschte der blechernen Instrumentalmusik. „Anruf für dich“ wiederholte Bert und führte einen freudigen Tanz auf. Dabei zertrat er unbeholfen ein kleines, schiefes Haus aus bunten Bauklötzen. Eines der unzähligen Geschenke zu seinem ersten Geburtstag. „Oh nein“, stellte er desinteressiert fest und gurkte unbeholfen davon.

Irgendwo im Hintergrund heulte Rolf Zukowskis infernalisches Invalidenorchester auf und flötete seine fürchterlichen Symphonien durch die Partyboombox. Einen Reißer nach dem anderen. „Welches Baby brauch einen Ghettoblaster?“, fragte ich leise, den Hörer immer noch an meinem Ohr. Unbemerkt hatte es in der Leitung geklickt. Ein Räuspern erklang in meinem Gehörgang.

„Die Zeiten haben sich geändert.“, antwortete es aus dem Telefon. Leise, etwas entfernt und unerwartet. Dann nochmal. „Die Zeiten haben sich geändert.“

Automatisch stellten sich die Haare auf meinen Armen auf und ich drückte den Rücken durch. Ungläubig sah ich mich im leeren Zimmer um und betrachtet geistesabwesend das Telefon mit der grinsenden Grimasse.

Die anderen Gäste saßen alle im Wohnzimmer und unterhielten sich über belangloses Erwachsenenzeugs, während ihr Nachwuchs kreischend umher wütete. Rolf Zukowski verwandelt sich in weißes Rauschen. Ich merkte, dass ich den Atem anhielt. Aus dem anderen Ende der Leitung vernahm ich ein schwaches, statisches Knistern.


© Dion Schumann 2024-06-10

Genres
Suspense & Horror
Moods
Dark
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