Im Wartezimmer der Zeit

Nachtvogel

by Nachtvogel

Story

In letzter Zeit machten meine Augen seltsame Dinge. Lichtblitze. Flimmern. Schatten, die nicht da waren. Augenmigräne, sagte man. Nichts Dramatisches vielleicht. Aber etwas, das man von einem Facharzt abklären lassen sollte.

Also begann ich zu telefonieren. Der erste Augenarzt nahm keine neuen Patienten auf. Der zweite ebenfalls nicht. Beim dritten hörte ich dieselbe freundliche Absage. Am Ende hatte ich zehn Praxen angerufen. Sechs wollten niemanden mehr aufnehmen. Drei boten Termine in sechs oder sieben Monaten an. Der Gewinner meines kleinen Wettbewerbs der Hoffnung gewährte mir einen Termin in viereinhalb Monaten.

Viereinhalb Monate.

Es ist eine merkwürdige Einheit der Zeit. Kurz genug, um harmlos zu wirken. Lang genug, um über das Leben nachzudenken. Dabei beschränkt sich dieses Warten nicht auf Augenärzte. Neurologen. MRT-Termine. Fachärzte aller Art. Überall begegnet einem dieselbe Botschaft: Bitte warten. Als hätte sich die moderne Medizin in eine große Warteschleife verwandelt. Manchmal frage ich mich, ob wir Patienten oder vielmehr Zeitreisende sind. Menschen, die ihre Beschwerden in die Zukunft verschieben und hoffen, dort eine Antwort vorzufinden.

FrĂĽher dachte ich, Heilung sei etwas Aktives. Eine Untersuchung. Eine Diagnose. Eine Behandlung. Heute habe ich das GefĂĽhl, dass ein groĂźer Teil des Heilungsweges aus Warten besteht. Warten auf Termine. Warten auf Ergebnisse. Warten auf Anrufe. Warten auf Besserung. Vielleicht ist das Leben selbst ein einziges groĂźes Wartezimmer.

Wir warten als Kinder darauf, erwachsen zu werden. Als Erwachsene auf Urlaub, Wochenende oder Rente. Wir warten auf die groĂźe Liebe, auf GlĂĽck, auf bessere Zeiten. Und wenn wir krank werden, warten wir auf Genesung.

Die Stühle ändern sich. Das Warten bleibt.

Manchmal erscheint mir unser Gesundheitssystem wie ein alter Bahnhof. Menschen kommen mit Sorgen an, ziehen Nummern und setzen sich auf Bänke. Manche Züge fahren pünktlich ein. Andere haben Verspätung. Und manche Fahrgäste sitzen so lange auf dem Bahnsteig, dass sie ihr Ziel nie erreichen. Das klingt traurig. Vielleicht ist es das auch. Und doch hat mich dieses Warten etwas gelehrt.

Es erinnert uns daran, dass Zeit nicht unendlich ist. Dass Gesundheit kein selbstverständlicher Zustand, sondern ein Geschenk auf Widerruf ist. Und dass jeder Tag, an dem wir noch sehen, gehen, denken und lieben können, bereits ein kleiner Gewinn ist. Natürlich wünsche ich mir schnellere Termine. Natürlich wünsche ich mir ein Gesundheitssystem, das weniger Wartesaal und mehr Hilfe ist. Doch bis der Tag meines Arztbesuches kommt, bleibt mir nichts anderes übrig, als das zu tun, was Menschen seit Jahrtausenden tun:

Zu hoffen. Denn vielleicht besteht die eigentliche Kunst des Lebens nicht darin, Antworten zu finden. Sondern die langen Wartezeiten dazwischen auszuhalten.

© Nachtvogel 2026-06-03

Book Category
Novels & Stories
Moods
Hoffnungsvoll, Reflektierend