by GoldieCandon
Über dem höchsten Wipfel des Baumes konnte man nachts das Funkeln der tausend Sterne beobachten. Jetzt am helllichten Tag war es Elva, die oben am Wipfel thronte, so als wäre sie eine Königin, die über ihr Reich wacht. Irgendwie hatte sie etwas Vertrautes, ja eigentlich schon ähnliches mit den Sternen. Beide hatten die gleiche, unendliche Schönheit und so viele Mysterien in sich, dass man nie in seinem ganzen Leben beide vollkommen durchschauen könnte. Ein Lächeln huschte mir über die Lippen. Ein Glück, dass sie mich im Gebüsch nicht entdecken konnte. “Bist du das, Goldie?”, fragte sie auf einmal. Mist. Sie hatte mich doch gesehen. Etwas verlegen kroch ich aus meinem Versteck und legte meinen Kopf in den Nacken, damit ich zu ihr hinaufsehen konnte. “Elva?” Meine Stimme, die erstaunt wirken sollte, tat genau das Gegenteil. “Komm hinauf!”, forderte sie mich auf. Ich mochte ihre direkte Art. Nicht immer das ständige herumgefrage wie bei den anderen. Trotzdem war da etwas in meinem Inner, was sich dagegen sträubte. “Nun komm schon!”, drängte sie mich, “Du schaffst das!” Für einen Moment fühlte ich mich ein wenig veräppelt. Normalerweise war ich immer die Mutigere von uns beiden gewesen, doch von der Höhe hatte ich schon immer Respekt gehabt. Mit schwitzenden Händen näherte ich mich der rauen Rinde des Baumes. “Du schaffst das!”, hörte ich sie ein weiteres Mal rufen. Ich schaffe das! Natürlich, was war das überhaupt für eine Frage?! Mit meinen Fingerspitzen tief in der Rinde hangelte ich mich langsam nach oben. Einmal rutschten meine Füsse fast ab und ich wunderte mich nicht, dass ich meine Kindheit nicht auf Bäumen verbracht habe. Dafür oft unter Bäumen. Am lesen. Elva war in dieser Hinsicht genau das Gegenteil von mir. Als ich nur noch einen Ast unter ihr stand, streckte sie mir ihre Hand hin. Erleichtert ergriff ich sie. Nie hätte ich zugegeben, dass ich sie tatsächlich im Moment gebraucht hatte, doch es war die Wahrheit. “Schau”, sagte sie mir. Für einen Moment war ich sprachlos, was bestimmt auch die atemberaubende Landschaft vor uns ausmacht. “Ich wusste gar nicht, dass man von unserem gemeinsamen Baum so einen herrlichen Ausblick hat”, meinte ich. Meine Augen noch immer gerichtet in der Ferne. Wie wäre es wohl hier mit ihr die Sterne zu bestaunen? Und dann sagte Elva eines der weisesten Dinge, die ich je von einem bekannten Menschen gehört habe: “Man sieht die schöne Aussicht nur, wenn man bereit ist den Anstieg dafür in Kauf zu nehmen. ”
Ich lächelte während der Wind meine Haare durch die Luft wirbeln ließ und ich sah, dass sie ebenfalls lächelte. In diesem Augenblick fühlten wir uns wie zwei Königinnen, blickend über das Reich unserer Heimat.
© GoldieCandon 2021-03-18