Ich bin es leid, mir Gedanken darüber machen zu müssen, was alles passieren könnte, wenn ich alleine durch einen Park oder durch dunkle Straßen laufe. Ob mich wohl jemand bedrohen wird-, oder mich versucht wegzuschleifen. Die Angst, Opfer von Gewalt, Missbrauch oder Ausbeutung zu werden, ist in uns Frauen so tief verankert, dass sich die meisten immer erst Gedanken machen müssen, was der sicherste Weg nach Hause ist, was man tut, um potenzielle Angreifer zu verschrecken oder welche Waffe gut in eine Handtasche passt. Frauen rufen lieber ein Taxi, als ein kurzes Stück zu Fuß zu laufen nach der Disco. Sie rufen sich gegenseitig an, während sie unterwegs sind, andere nutzen die Telefonangebote öffentlicher Hilfestellen. Manche gehen bereits dazu über laut Selbstgespräche zu führen, um als verrückt zu wirken, in der Hoffnung, dass es abschreckend ist. Und doch kommt es jeden Tag zu Vergewaltigungen. Und da spreche ich nur von „aufgeklärten“, reicheren Ländern und auch nur von der offiziellen Statistik. Die Dunkelziffer ist zu groß, um lange darüber nachdenken zu können. Wie schlimm muss es da anderswo zugehen? Ich habe selbst mit verschiedenen Mädchen und Frauen – aber auch Männern – zu tun gehabt, welche vergewaltigt worden waren, kenne ihre Geschichten und den ewigen Kampf damit. Es bricht mir jedes Mal das Herz. Doch was mich am wütendsten macht, ist, dass sich dennoch manche erdreisten, gerade diesen Menschen die Schuld zu geben an dem, was passiert war. Es hat nichts mit Alter, Stand, Kleidung oder sonstigem zu tun. In meiner Wut demgegenüber, rede ich mir ein, ich hätte keine Angst, würde mich nicht davon abhalten lassen, dorthin zu gehen, wo ich es wollte – nur weil ich seit vielen Jahren zum Boxen gehe. Doch wenn ich die Realität betrachte, denke ich genauso darüber nach, nicht doch lieber einen Bogen um eine bestimmte Gegend zu machen, mich nicht vielleicht besser in ein Taxi zu setzen oder ob ich nicht erst abwarten sollte, bis sich die Männergruppe entfernen würde, bevor ich weiterliefe. Ich wurde in meinem Leben mehrfach angegriffen und kam immer mit „einem blauen Auge“ daraus. Egal, ob es war, als man von Rechtsradikalen in eine Seitengasse gezogen und bedroht wurde, oder ob mich jemand in der Nacht auf dem Heimweg überfiel, und Sex mit mir haben wollte. Dank meiner antrainierten Reflexe konnte ich ihm einen schönen Haken verpassen, welcher ihn davon überzeugte, schnell das Weite zu suchen. Doch dadurch bin ich eine Zeit lang überheblich geworden und dachte, dass ich alles meistern könne. Danach ist zum Glück nichts mehr passiert, doch musste ich mir eingestehen, dass ich gegen eine Gruppe oder einer körperlich überlegene Person wohl nichts ausrichten könnte. Durch den Sport fühle ich mich sicherer und stärker. Gleichzeitig finde ich es traurig, dass man als Frau zu solchen Maßnahmen überhaupt greifen muss. Jeder sollte sich sicher fühlen können. Frauen können nicht uneingeschränkt durch die Welt spazieren, so wie es viele Männer einfach machen können. Und leider wird dieser traurige Fakt oft von allen Männern übersehen. Doch auch hier gibt es positive Beispiele – etwa, als mich ein Freund nach einer Feier noch zum Bahnhof begleitet hat.
© Claudia Schneider 2025-08-20