Im Jahr nach meiner Rückkehr aus Mexiko arbeitete ich bei einer kleinen Firma. Sie verkauften Immobilien in Spanien. Meine hervorragenden Sprachkenntnisse waren da sehr nützlich. Wir waren nur zu viert: der Chef, zwei Verkäufer und ich.
Der Chef war oft auf Dienstreise, meist in Spanien. Es sammelte sich dann stets sehr viel Arbeit an. Ich sortierte alles und legte es auf seinen Schreibtisch.
An diesem Tag war er gerade wieder zurück von einer seiner Reisen. Er saß in seinem Büro, einer der Verkäufer war bei ihm.
Das Telefon läutete. Ein wichtiger Kunde musste ihn dringend sprechen. Ich stellte das Telefongespräch auf den Chef-Apparat um, doch er nahm nicht ab. Also rannte ich hin, machte eine Vollbremsung an der Tür und sagte: “Herr M. muss Sie dringend sprechen.“
Mein Chef schaute auf, sah mich grinsend an und sagte: “Frau Breuninger, man merkt, dass Sie keinen Mann haben.”
Was sollte diese Unverschämtheit jetzt? Ich war schockiert, doch schon nach einer Sekunde reagierte ich, stemmte beide Hände in die Hüften und sagte ganz langsam und jedes Wort betonend:
“Wer sagt, dass ich keinen Mann habe? Ich habe keinen EHE-Mann.”
Machte eine 90° Wendung und ging langsam zu meinem Büro zurück. Dem Kunden versprach ich einen sehr baldigen Rückruf.
Ich war ungemein stolz auf meine Schlagfertigkeit. Ja, ich bin es heute sogar noch, nach all den vielen Jahren.
Der Verkäufer kam wenig später zu mir: “Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer superguten Antwort.”
Einige Monate später verließ ich die Firma. Ich hatte eine angenehmere Stelle gefunden.
Da fällt mir einer meiner Chefs in Mexiko ein. Er war Flame, aus Belgien, verheiratet, zwei Töchter. Ich gefiel ihm, und er wollte eine Beziehung mit mir anfangen. Ich aber nicht mit ihm. Die Männer der Ingenieur-Abteilung taten ihr Bestes, um mich zu verteidigen. Er nutzte seine Machtposition aus, schikanierte mich mit unnützen zusätzlichen Arbeiten, machte gemeine Bemerkungen und verbot mir sogar, Parfüm zu benutzen. Das würde ihn “antörnen”.
Das ging über viele Monate. Eines Tages sagte er mir: “Ich werde die Firma bald verlassen.” Es war Dienstag, schon Freitag war sein letzter Tag. Man hatte ihn “gefeuert”! Niemand weinte ihm nach. Ich wurde versetzt, hatte von nun an einen Chef, der mich respektierte, als Mensch, als Frau.
Jahre später erzählte mir jemand, dass er in seinem Haus überfallen worden war. Die Einbrecher hatten ihn gefesselt und in aller Ruhe das Haus ausgeräumt. Frau und Töchter waren nicht zu Hause. Mein Mitleid hielt sich in Grenzen.
© Emma Breuninger 2021-03-15