by Nina Burian
Meine Oma legte groĂen Wert auf tadellose Manieren. Benahm ich mich ihrer Meinung nach unhöflich, tadelte sie mich mit einem empörten: âNini!â. Alberte ich beim gemeinsamen Lernen herum, weil mich französische Vokabel nur mĂ€Ăig interessierten, nahm sie das sogar persönlich und war fĂŒr ein paar Tage beleidigt.
Gerade weil sie sich ĂŒber viele Dinge aufregte, machte es meinem Papa, meiner Schwester und mir umso mehr SpaĂ, sie aufzuziehen. VergaĂ sie einmal etwas, behauptete ich steif und fest: âĂmchen, du musst ja voll betrunken gewesen sein, wenn du dich nicht mehr erinnern kannst.â – âNini!â rief sie dann entsetzt. Oma trank nĂ€mlich nur bei besonderen AnlĂ€ssen Alkohol und dann auch nicht mehr als ein Achtel.
An einem Weihnachtsabend saĂen wir in familiĂ€rer Eintracht zusammen, die HĂ€nde ĂŒber unseren dicken BĂ€uchen gefaltet. Vor jedem stand ein Glas mit schwerem Rotwein und alle schauten etwas mĂŒde aus der WĂ€sche. Nur Papa betĂ€tigte sich sportlich, indem er immer wieder aufsprang, um uns nachzuschenken. In seinem Ăbereifer fĂŒllte er stets nach, bevor das Glas zur Neige ging, sodass man nach kurzer Zeit den Ăberblick ĂŒber seinen Konsum verlor. âWie wĂ€re es mit einem Verdauungsschnapserl?â, schaute Papa mich und meine Schwester fragend an. âWenn du einen Whiskey hast, dann gern.â, erwiderte Oma. Schnell klappten wir unsere MĂŒnder wieder zu, trotzdem zog ein Raunen um den Tisch. Oma möchte trinken!
Man kann sich vorstellen, aufgeheizt durch die hochprozentige UnterstĂŒtzung rannte nach kurzer Zeit der SchmĂ€h. âIch muss bald aufbrechen.â, meinte Oma und blickte sich suchend nach ihrem gold bestickten Seidenschal um. âEs ist erst halb 11.â, meinte Papa âBleib doch noch ein bisschen, es ist doch Weihnachten!â. Meine Schwester knuffte mich grinsend in die Seite und wachelte mit ihrem Handy unterm Tisch. Das leuchtende Display zeigte 00:35 Uhr. Verschwörerisch grinste ich zurĂŒck. Papa sprang auf und schenkte nach.
Wir disputierten ĂŒber Politik, alle wurden hitziger und Omas Wangen zunehmend röter. âJetzt muss ich aber wirklich.”, meinte Oma einige Zeit spĂ€ter. âAber Ămchen, es ist erst kurz vor 12! Bleib noch, es ist doch Weihnachten.â Die Digitalanzeige des Backofens blinkte unheilvoll 2:05 Uhr auĂerhalb von Omas Blickfeld. âNur noch ein kleines SchlĂŒckchen.â, kicherte Oma. Papa schenkte nach.
Stunden spĂ€ter, die Argumente wiederholten sich zunehmend, fragte Oma: âWie spĂ€t ist es denn?â Sie hing mit schweren Augen gĂ€hnend im Sessel. Es war Zeit ihr reinen Wein einzuschenken. Papa strich sich verlegen durchs Haar: âOh, da haben wir uns vorhin wohl verschaut. Es ist halb vier.â Oma schaute mit glitzernden Augen von einem zum anderen, wir Schwestern, gefasst auf ein Donnerwetter, zogen die Köpfe ein. Sie aber lĂ€chelte nur und seufzte ergeben: âIhr seids mir ja ein paar Lauser.â
Oma nahm es uns nie ĂŒbel, dass wir die Wahrheit der Uhrzeit ein wenig gedehnt hatten. Denn es war der lustigste Weihnachtsabend, den wir je hatten.
© Nina Burian 2021-12-14