Paul und der Toiletten-Porno

SocialBeat

by SocialBeat

Story
Bredstedt 1978 – 1979

Ich war siebzehn, scheiße in Mathe und noch beschissener im Verkaufen. Also wurde ich Verkäufer-Azubi. Oder das, was Leute wie Paul dafür hielten.

Paul – nicht sein echter Name, egal – war mein Lehrherr. Ein Mann wie aus dem CDU-Stammbaum gezimmert: Jäger, Angler, Dienstwagenfahrer. Taschenmesser in der Hosentasche, Playboy in der Brusttasche. Immer faltenfrei, immer ernst. Als hätte er das Handbuch für „Männer, die alles unter Kontrolle haben wollen“ auswendig gelernt.

Er hatte diese Art, dich anzuschauen, als wärst du Luft. Störende Luft. Und wenn du zu langsam Regale einräumtest oder nicht „Guten Tag“ sagtest wie ein dressierter Pudel – dann knallte es. Keine Metapher. Hände wie nasse Fleischklumpen. Lehrjahre seien keine Herrenjahre, hat er gesagt. Und er glaubte es.

Sein Büro? Die Herrentoilette, dritte Tür rechts. Sicht auf Hinterhof und Sonderpostenlager. Wenn Paul „Pause“ machte, nahm er Lesestoff mit. Keine Zeitung, Magazine. Playboy, Hustler, irgendwas mit Schlagzeilen wie „Blondinen, die’s lieben, benutzt zu werden“. Ich hab’s gesehen. Er ließ sie liegen. Wahrscheinlich absichtlich. Ein stiller Machtbeweis: Ich kann, du musst schweigen.

Einmal rief er mich: „Kannst mal Klopapier holen!“ Ich ging – und sah’s. Eine Seite offen: Silikonmädchen, gespreizte Beine, Schlagzeile: „Hier bin ich Schlampe“. Paul grinste wie ein Schwein im Dreck. „Schön, wa?“ Ich sagte nichts. Ich hab’s studiert, nicht aus Interesse, sondern aus Verwirrung. Dieses Bild war weniger Erotik als ein Fenster in seine Welt: ein Mann, der seine Macht missbraucht, während alle anderen nur zuschauen.

Damals dachte ich, das sei normal. Lehrjahre halt. Heute weiß ich: Es war krank. Ich war jung, zu naiv, zu ungebildet, um zu begreifen, dass manche Männer ihre Positionen ausnutzen, um Perversion und Gewalt zu vermischen.

Ich blieb ein Jahr. Dann kam die Chance, in meiner Heimatstadt weiterzumachen. Neuer Laden, neues Umfeld. Schlimmer konnte’s nicht werden.

Ich darf vorwegnehmen: Es wurde nicht besser.
Aber immerhin ohne Porno auf dem Klo.

© SocialBeat 2025-05-27

Genres
Biographies
Moods
Herausfordernd, Emotional, Angespannt
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