by Nina Burian
In meiner Zeit als BuchhĂ€ndlerin passierte es oft, dass sich Kunden Titel und Autoren falsch merkten. SĂŒmpfe (= Feuchtgebiete), Der Bub mit seinem gestreiften Lama (= Der Junge im gestreiften Pyjama) und Bis zum Abendbrot (= Biss zum Abendrot) waren noch die einfachen FĂ€lle. Ein paar âVerhörerâ sind mir aber Besonders in Erinnerung geblieben.
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Eine Ă€ltere Dame rauschte in die Kinderbuchabteilung und wedelte mit der Hand in meine Richtung: “Ich möchte das Crack Tagebuch! FĂŒr mein Enkerl!” Alle anwesenden Kunden starrten sie entsetzt an. Ich verkniff mir mein Grinsen und wedelte mit dem Buch zurĂŒck: “Gregs Tagebuch, bitteschön.”
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Ein Mann trat zur Budel: “Ich möcht das Buch ‘Nazis in Dortmund’.” Ich runzelte die Stirn: “Das kenn ich leider nicht, das muss ich nachschauen.” – “Was? Das mĂŒssen Sie nachschlagen?” empörte er sich. AbschĂ€tzig wurde ich gemustert: “Nazis in Dortmund. Von einem hessischen Autor. Das MĂSSEN Sie doch kennen. Das ist ein Weltbestseller!” Nazis in Dortmund? Ein Weltbestseller? Ich wandte mich dem Computer zu und gab den gewĂŒnschten Titel ein und…nichts. “Tut mir leid, ich bekomm da keine Treffer im System. Sind Sie sicher, dass das Buch so heiĂt? Hat Ihnen das jemand empfohlen?” Er erwiderte ungeduldig: “Nein, das braucht mein Sohn fĂŒr die Schule. Ich habs mir doch ganz genau aufgeschrieben, was er gesagt hat.” Er hielt mir ein zerknittertes Schmierpapier hin. Wirklich, da stand ‘Nazis in Dortmund – Hesse’.
Nazis in Dortmund. Ein hessischer Autor. Die Worte wirbelten in meinem Hirn durcheinander und schlieĂlich machte es âKlickâ. “Könnte es sein, dass ihr Sohn ‘Narziss und Goldmund’ von Hermann Hesse braucht? Das ist ein beliebtes Buch in der Schule.” Der Herr schaute abwechselnd auf seinen Zettel und auf die ‘0’ am Bildschirm. SchlieĂlich meinte er mit einer leichten Röte im Gesicht: “Ja, genau das meine ich. Haben Sie das lagernd?”.
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âIch brauch vom Go-eet âDie Lenden des jungen WĂ€rters.ââ Kurz war ich mir unsicher. Vielleicht war es ja ein Sexroman im GefĂ€ngnis? Nein, war es nicht. Der Herr hatte wirklich noch nie etwas von Goethe gehört.
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Ăhnlich erging es einem amerikanischen Kunden. Mit lautem Bass dröhnte er mir schon von Weitem entgegen:” I need from Gössi âFistingâ!” In diesem Moment konnte ich meine Contenance nicht mehr wahren und mein 12-jĂ€hriges pubertierendes Ich ĂŒbernahm das Ruder. Ich prustete los und stammelte âHaha, fisting hat er gsagt!â Ich steckte meinen Kollegen mit meinem GelĂ€chter an, sodass wir beide mit hochroten SchĂ€deln und TrĂ€nen in den Augen hinter der Kassa standen. Zwischen meinem GelĂ€chter versuchte ich dennoch den Herren ins UntergeschoĂ zu den Reclam Heften zu schicken, aber er fĂŒhlte sich – zurecht – so gefrotzelt, dass er ohne Faust wieder ging. Noch bei der nĂ€chsten Kundin wischte ich mir die TrĂ€nen aus den Augenwinkeln und versuchte erfolglos mein Gekicher einzustellen. âNa, Sie haben aber einen SpaĂ bei der Arbeit.â meinte sie. Ja, das hatte ich wirklich.
© Nina Burian 2021-07-10