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_winterrauch_

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_winterrauch_ | story.one

Emotionen sind emotional. Eine Feststellung nach der dritten Zigarette am frühen Morgen. Mein Aschenbecher, welcher überquillt ein Stillleben. Fotografieren sollte man den. Was sagt er über mich aus, was sagt all das über mich aus? Die Zeit verrinnt, weil ich in Gedanken versinke die ins endlose reichen und das Jetzt genauso wie den Straßenlärm verschlucken als wäre ich gar nicht hier. Und doch bin ich es, fragt sich nur wie lange noch, vor allem nach all den Zigaretten.

Geraucht hat sie bis zum Schluss, auf jedem Foto und in dem einzigen mittlerweile versehentlich überspielten Video was ich von ihr kenne. Wie sie sich bewegt und gesprochen hat. Zart ihre dünne Haut, der Krebs viel zu offensichtlich. Und die Haare perfekt sitzend. Eines jener zwei Dinge die sie sich angeblich sehnlichst gewünscht hatte, ihre Haare zu behalten und mich ungeborenes Enkelkind nur zumindest einmal im Arm wiegen zu dürfen.

Ich öffne das Kuvert, das zwischen all den schwarz-weiß Bildern liegt, eines professioneller und liebevoller als das andere. Das Werk einer echten Fotografin eben. Und ich denke mir sie wäre vielleicht stolz meine Fotos in einem Buch veröffentlicht zu wissen. Eine gemeinsame Leidenschaft zu haben und diesen Blick für gewisse Dinge, auch den ganz eigenen aufs Leben.

Sie sind dunkelblond fast schon gräulich und an einen dicken Haargummi gebunden, fallen mir in die Hände aus dem kleinen zerknitterten Kuvert, ihre Haare, die sie sich selbst warum auch immer einmal aufbewahrt hat. Das einzig echte und nahbare das ich von ihr greifen kann und je fassen werde. Denn ihren raschen und schmerzhaften Tod mit 39 Jahren an einem kalten Wintertag, 3 Monate vor meiner Geburt fasse ich bis heute nicht, genauso wenig wie die riesen Lücke, die sie hinterlassen hat und die stets präsent war in meinem Leben ohne den Menschen dazu je gekannt zu haben. Und wahrscheinlich habe ich deshalb nie geraucht. Bis mir das Leben dazwischen kam, die 39 immer näher rückt und die nicht enden wollende Leere in mir eine zu große, zu unerträgliche wurde. Die Angst mich immer wieder einnimmt und sowieso nicht mehr atmen lässt. Wie überwindet man das Unüberwindbare? Wie verarbeitet man den Tod von jemandem, den man eigentlich gar nicht kennt und der einem trotzdem sein ganzes Leben lang so unglaublich fehlt. Wie kann man mit Verlust umgehen lernen, wenn man schon verloren hat bevor man das Licht (der Welt) sah?

Pränatale Erlebnisse werden im limbischen System gespeichert, heißt es, die Entwicklung und Verarbeitung von Gefühlen vor allem jenes der Angst geschieht offenbar bereits ab der 5.Schwangerschaftswoche.

Die Kälte drängt mich zurück in meine Wohnung. Ich drücke die Zigarette aus, fotografiere den Aschenbecher. Gehe ins Warme und habe wohl die Antwort gefunden, kann aufhören mich zu fragen, warum mir ständig viel zu kalt ist.

Es war und ist wohl einfach der Winter (in mir).

© _wortkunstliebe_ 2022-11-26

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