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Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben

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Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben | story.one

Heute ist ein wunderschöner Sonntag, an dem mich die Sonne wachgekitzelt hat, leider nur eine Stunde zu spät. Ich sollte schon seit 7 Uhr morgens auf einem Fest sein, auf dem ich jedes Jahr aushelfe. Gegen 8:30 Uhr komme ich an. Beim Krapfenverkauf bin ich heute eingeteilt, mit einer Nadine, die ich noch nicht kenne. Krapfenverkauf bedeutet, dass ich den ganzen Tag von der Backstation Krapfen hole und diese dann an den aufgestellten Biertischen den Gästen verkaufen soll. Na gut, dann mache ich mich mal an die Arbeit.

An der Backstation finde ich meine heutigen Produkte und auch Nadine. Ich weiß nicht, was einen kälteren Eindruck auf mich macht, Nadine oder die rohen Krapfen aus der Kühlung. Höflich begrüße ich sie und frage, ob sie lieber die Krapfen oder die Brieftasche haben will. “Am liebsten keins von beiden". Schwieriges Publikum. "Dann nehme ich die Krapfen und du die Brieftasche, okay? Du musst dann nur das Geld für die Krapfen bei den Leuten eintreiben". Ihr Augendrehen und Kopfnicken werte ich als Ja. Anschließend begrüße ich noch die Leute in der Backstation und greife einen Krapfen für Nadine und mich ab, schließlich müssen wir ja unser Produkt kennen um es gut verkaufen zu können. Ich gebe ihr den Krapfen, da sagt sie leise danke. “Das ist das netteste, das ich jemals von dir gehört habe!”, antworte ich. In ihrem steinernen Gesicht kann ich fast ein Zucken der Lippen erkennen. Fast!

Die Stunden vergehen und die Krapfen kommen gut an, nur Nadine nicht. Sie ist unhöflich, kalt und nicht sehr gesprächig.

“Hallo den jungen Mädels, ihr habt bestimmt Hunger auf einen Krapfen!” begrüße ich einen Tisch mit Seniorinnen. Ich kann das Augenverdrehen von Nadine direkt spüren. Als eine der Damen Nadine fragt, ob ich auch zu verkaufen sei, muss sie endlich ein wenig lächeln, zum ersten Mal heute.

Wir kommen an den nächsten Tisch, diesmal mit alten Männern. Bevor ich was sagen kann, begrüßt Nadine sie mit “Hallo den jungen Burschen, ihr habt bestimmt Hunger auf einen Krapfen!”. Ich weiß genau, dass sie mich jetzt ein wenig auf den Arm nehmen will damit. “Du kannst doch nicht unsere Gäste angraben!” sage ich künstlich empört. Nadine wirft mir einen bösen Blick zu und rempelt mich mit dem Ellbogen an, worauf ich laut lachen muss. Der ganze Tisch lacht, der ganze Tisch kauft Krapfen. Danach werden wir immer eingespielter und verkaufen mit Charme, Höflichkeit und Witz unsere Krapfen. Nadine und ich necken uns immer wieder, zum Spaß unserer Gäste oder den Leuten in der Backstation.

In einer kurzen Bierpause, die wir uns von Zeit zu Zeit gönnen, fragt sie mich, warum ich so bin. “Wie meinst du?” – “So fröhlich und nett und dass auch noch bei einer Arbeit wie Krapfen verkaufen. Oder spielst du das nur um viel zu verkaufen?”. “Ist mir nicht aufgefallen, dass ich heute anders wäre als sonst. Denke ich bin einfach so, das musst du heute wohl noch aushalten”. Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange und beendet die Bierpause mit “Komm! Die Krapfen und Gäste warten!".

© Johannes H. 2021-05-04

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