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#flucht#reisen#hoffnungslosigkeit

Das Grab der Unbekannten

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Das Grab der Unbekannten | story.one

Jetzt,

Hier,

Die Dunkelheit ist voll, und ich kann niemanden sehen.

Ich höre den Atem der Menschen um mich herum, vermischt mit dem Geräusch der Wellen.

Der Himmel ist klar, nur der Mond hat sich versteckt. Die Sterne strahlen.

Wir warten alle hier, jemand führt uns zu einem anderen Land,

wo Träume wahr werden,

wo man ohne Sorgen schlafen kann.

Eine andere Küste, nur wenige Kilometer entfernt.

Wir tun, was uns die Händler sagen. Händler, weil sie mit uns handeln. Jetzt sind wir nur Ware, sie liefern und übers Meer und verdienen viel damit.

Wir nähern uns.

Wir stellen uns wie die Kinder am ersten Schultag auf.

Frauen zuerst.

Wir steigen alle in ein kleines Boot, aber es scheint ein Sarg zu sein. Auf meiner Brust liegt ein Leichentuch: die Rettungsweste.

Wir segeln wie angewiesen. Kein Plan, keine Ahnung. Ein kleines Licht hinter den Hügeln ist unser Wegweiser.

Ich spüre die Angst der Anderen.

Wir tanzen zur Melodie eines weinenden Babys.

Nach einer Stunde sind wir immer noch weit weg vom Ziel.

Die Gedanken der Menschen um mich herum werden immer lauter. Reue, Angst und Hoffnung haben sich hier versammelt.

Ich folge immer noch meinem Stern, von Anfang an.

Ich erinnere mich, woher ich kam. Von zu Hause, wo es schön war. Wo sich meine Träume in Alpträume verwandelt haben.

Ich komme aus dem Land, wo die Geschichte nur eine Lüge ist und wo die Geografie nur eine Grenze ist, die wir überqueren möchten.

Ich komme aus dem Land, wo die Bildwerke eines toten Gottes überall stehen. Wo Diktatur vererbt wird, und jeder, der „Hunger!“ schreit, getötet wird.

Ich komme aus dem Land, das jede Nacht high vom Glück tanzte, aber die Musik wurde ausgeschaltet und durch Bomben verstummt. Wo die ganze Familie zusammen am Tisch war, aber der Tisch wurde gebrochen, die Löffel gestohlen, der Vater umgebracht und die Brüder verhaftet… und das Haus ist leer geworden, wie das Land selbst.

Scharfe Geräusche schneiden in meine Gedanken und bringen mich aus meinem Land zurück. Menschen schreien, Wasser strömt hinein.

Wir fahren schneller, um das Wasser fernzuhalten, aber das Meer ist stärker als wir. Das Wasser wird mehr und wir fangen an, unsere Leben zu retten. Zuerst müssen unnötige Sachen weg: Rucksäcke, Kleidung… aber das hilft nicht. Das Wasser muss raus, aber wie? Ich ziehe meine Schuhe aus und ich versuche das Wasser damit rauszuschöpfen. Die anderen machen mir nach: Schuhe, Kappen werden zu Schaufel. Aber alles, was wir dem Meer zurückgeben, gibt es uns doppelt wieder.

Die Angst steigt. Der Motor wird still. Wir springen ins Wasser, einer nach dem anderen. Ich war beruhigt: schließlich gibt es eine Rettungsweste. Aber erst im Wasser sehe ich: meine muss auf dem Weg kaputt geworden sein.

Meine Mutter hat vergessen, mir das Schwimmen beizubringen, und hier wird mein Ende sein. Mit den Augen meiner Mutter in meinen Augen.

Ich versinke in die Tiefe und kann nichts mehr sehen.

Jetzt ist mein Land hier.

Hier ist es ruhig.

Hier ist es sicher.

Hier ist das Grab eines Unbekannten

© Ahmad Alshrihi 2021-03-08

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