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Das doppelte Christkind

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Das doppelte Christkind | story.one

Das Christkind wartet, bis ich 6 Jahre alt bin. Es will, dass ich mich ganz bestimmt erinnere. Doch davor muss ich noch spazieren gehen. Wie jedes Jahr. Der Sinn erschließt sich mir nicht und Papa ist auch zu mĂŒde, um mitzukommen. Das macht wiederum sehr wohl Sinn, er arbeitet die ganze Woche ĂŒber hart. Kaum zurĂŒck, zwinkert mir das SchlĂŒsselloch zu, das Auge versteht sofort. Nur ein schneller Blick ins Kinderzimmer, das wird niemandem auffallen. Und da sehe ich es, das Christkind. Naja. Vielmehr einen seiner FlĂŒgel. Nun gut, einen Teil davon und der fliegt gerade aus dem Fenster. Gleichzeitig muss es das Glöckchen gelĂ€utet haben. Anders geht das gar nicht, weil Papa ja im Zimmer ist, um das Fenster aufzumachen.

Das Jahr ĂŒber sind wir sparsam. Aber Weihnachten. Weihnachten tĂŒrmen sich die Geschenke. FeinsĂ€uberlich staple ich alle 46 vor dem Auspacken. BĂŒcher, Spielzeug, Kleidung und dann ist da noch der Jux, den er sich macht. Da löst man in liebevoller Kleinarbeit Tixo ab - denn das Geschenkpapier kann man im nĂ€chsten Jahr wieder verwenden - um etwa einen Knoblauch in den HĂ€nden zu halten.

Sechs Jahre spĂ€ter bittet uns Papa, ein unhandliches, aber leichtes Geschenk hochzubringen. Es wĂ€re ein Jux fĂŒr Mutter. Gummistiefel. Schon bei der Vorstellung flirren die LachtrĂ€nen. Dann sind es doch die Kieferknochen, die beim Anblick des Videorekorders knacken. Endlich kann ich alle drei Winnetou-Teile aufzeichnen. Aber den dritten schaue ich mir nur einmal an.

Das Christkind hat wohl einen Dienstverweis bekommen, denn es taucht die nĂ€chsten 25 Jahre nicht mehr auf. Doch Papa sitzt weiterhin ein wenig abseits, beobachtet uns mit seinem Schmunzeln, ist meist derjenige, der fotografiert und wickelt seine Geschenke so langsam aus, dass mir in meinen wilden Jahren, in denen ich mit Fetzen-Jeans aber eingeflochtenem Zopf auftauche, die Geduld reißt.

Mit 37 ist mein Lieblingsplatz auch ein wenig abseits. Am Sofa. Neben meinem Papa. Er bedankt sich bei mir, dass ich jedes einzelne Jahr mit meinen Eltern gefeiert habe. Das sei nicht selbstverstĂ€ndlich. Mir ist wichtig festzuhalten, dass die Krippe ohne die berĂŒhmten „Fusserln“, die er auf jedes Teil montiert, das er tischlert, fast ein bisserl besser aussieht.

Ich bin 38 Jahre alt und mein Papa macht sich Sorgen, dass das Dirndl ja noch keinen Christbaum hat. Eine unserer Traditionen. Der gemeinsame Christbaumkauf. Eine andere: Schnell gemeinsam Geschenke besorgen, damit wir lange zusammen Bier trinken und reden können.

Einen Tag vor Weihnachten sitze ich in der ersten Reihe. Mich stört, dass ein Kreuz auf dem Sarg ist, das hatten wir doch anders besprochen. Die SchiebetĂŒren schließen sich, da drĂ€ngelt sich der Efeu dazwischen. So lange er kann, bleibt er bei uns. Entweder ist es mein Papa mit seinem Schmunzeln und dem berĂŒhmten grĂŒnen Daumen, der seinen besten und letzten Jux macht. Oder die FlĂŒgel des Christkinds verursachen Thermik.

Ich habe nie mehr einen Christbaum gekauft.

© Andrea Plank 2021-12-15

Advent- und Weihnachtsstorys

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