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#baumwelten#naturerlebnis#sonnengruß

Aus dem Nebel

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Aus dem Nebel | story.one

Seit Tagen, die sich wie Wochen anfühlen, habe ich keine Sonne gesehen.

Wer mich kennt, weiß es: Ich liebe die Sonne. Damit meine ich nicht stundenlanges Braten im Sommer, sondern das Helle. Im Winter kann diese Funktion auch einmal der Schnee übernehmen, aber davon sind wir derzeit weit entfernt. In der Beckenlage im Osten unseres schönen Landes ist es – weitaus beharrlicher, als mir lieb ist – grau. Die Bilder aus den westlichen Bundesländern wecken Sehnsucht in mir.

In mir reifte der Plan, mir in St. Corona Sonnenstrahlen abzuholen, die mein Gemüt erhellen. Warum dies ausgerechnet in St. Corona geschehen sollte, liegt am Ortsnamen – mein finster-ironisches Gemüt wollte es den Zeiten geschuldet so. Mangels vollständiger Ortskenntnis dachte ich dabei an St. Corona am Wechsel, dem Übergang von Niederösterreich un die Steiermark. Von einer Schreibkollegin bekam ich den Tipp, von St. Corona aus den Schöpfl zu besteigen. Beim Recherchieren des Weges lernte ich, dass uns von diesem St. Corona eine noch kürzere Autofahrt trennte, und dass der Schöpfl mit fast 900 m die höchste Erhebung des Wienerwaldes ist.

Nachdem das Durchforsten von Entscheidungshilfen wie webcam-Bildern keinen Hinweis auf einen Sieger hinsichtlich Sonnenwahrscheinlichkeit lieferte, entschieden wir uns „aus dem Bauch“ für die nähere Variante – und ich nehme es vorweg: Wir lagen goldrichtig!

Schon nach 10 Minuten auf der Autobahn lichtete sich der Nebel, es wurde hell und blau. Je näher wir dem angepeilten Parkplatz kamen, desto mehr verflüchtigte sich meine Sorge, der Nebel könnte uns doch noch einholen. Vor einem wolkenlosen, tieflauen Himmel standen die Erhebungen des Wienerwaldes, die Bäume mit dickem Reif überzogen, nur die Lärchen, die als einzige Nadelbäume ihr „Laub“ verfärben und im Winter abwerfen, hoben sich leuchtend gelb ab.

Völlig euphorisch von diesem Anblick und der wärmenden Sonne, hörten wir plötzlich ein Geräusch, das sich mit dem, was wir sahen, nicht vereinbaren ließ – es klang nach Regen! Sekunden später fielen dicke Tropfen auf uns und auf den Boden. Wenig später war der Reif abgetaut und das verwunderliche Schauspiel zu Ende, der weitere Aufstieg Sonne und Lebensfreude pur.

Am Gipfel (soweit man das bei dieser Höhe so nennen darf) bot uns die bereits kurz vor 1900 errichtete Matras-Warte einen grandiosen Rundumblick. Wir sahen, aus welch dicker Decke aus Nebel, Wolken und Dreck wir geflüchtet waren, sahen Ötscher und Schneeberg, konnten das Wald- und Weinviertel zumindest richtungsweise zuordnen und das Leithagebirge erahnen – und sahen, dass der Wechsel, mitsamt dem „anderen“ St. Corona, von Nebelschleiern eingehüllt war.

Auf der Heimfahrt ist das wieder-Eintauchen ins Grau natürlich unvermeidlich, trotzdem strahle ich. Es ist einer dieser Tage, die nachleuchten und in der Schatzkiste der Diamantentage Platz finden.

© Andrea Weiss 2020-11-28

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