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#eis#geldschein

Schnipsel aus meinem Buch Weberknechte webern …

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Schnipsel aus meinem Buch Weberknechte webern … | story.one

Sicherheitshalber wechsle ich jetzt schon die Straßenseite und steuere auf die Eisdiele zu. Dort beginnt unser heutiges Aussuchespiel. Wer weiß am längsten nicht, welche Farbzusammenstellung und welcher Geschmack jetzt gerade mein dringender Gusto ist, und in welcher Verpackungsart, Stanitzerl, Semmel oder Becher soll das Ganze kredenzt werden. Wenn man in der ersten Reihe steht, braucht man schon einiges an Mut, um so lange wie ich nachzudenken. Meist bilden sich dabei aber hinter uns eine gewaltige Schlange ungeduldig wartender, mit Geldscheinen fuchtelnder und bereits raunender Kunden, die wiederum, wenn sie dann allerdings selbst an der Reihe sind eine Bestellung aufzugeben, anscheinend auch den Geschmack dran gefunden haben, so ein großartiges Aussuchespiel zu spielen. Das ist wahrscheinlich der alleinige Grund, warum sich der Hauptplatz zunehmend mit einer riesigen Menschenmasse füllt. Gerade als die Polizei von Lienz mit einer Hundertschaft anrückt, um dem unruhigen Treiben wieder in eine geordnete Bahn zu verhelfen, gaben wir unsere erste Bestellung auf, bezahlten und verließen rasch dieses Bühnenbild, setzten uns auf eine Parkbank und betrachteten dieses Schauspiel aus der Ferne.

Die Schlichtungsversuche der Lienzer Polizeihundertschaft scheiterte daran, dass das Ende der Warteschlange, das mittlerweile bis zum Eingang der Fußgängerzone reichte, langsam begann sich mit dem Anfang der Warteschlange von einem zweiten Eisgeschäft zu kreuzten, sodass die Richtung, in der die geplanten Unmutsäußerungen und Wink Bewegungen mit Geldscheinen erfolgen sollte, nicht wirklich mehr einwandfrei bestimmbar war. Abgelenkt von diesem Tumult hatte ich mein Eis bereits fertig geschleckt, ich hatte ja nur eine Kugel mit Zitronengeschmack, da fragte ich meine Frau ob ich nicht noch bei dem dritten Eisgeschäft auch ein… Nein?

Na, jedenfalls haben wir dem Lienzer Publikum und auch seiner Bevölkerung dadurch zu einem abendfüllenden Programm verholfen, dass mit dem nötigen Humor, für den Lienzer ja bekannt sind und der Mithilfe der Städtischen Exekutivbeamten zu einem friedvollen Ende gebracht wurde.

Die Leute verliefen sich in die Seitengassen, die Geschäfte haben bereits Ladenschluss, Verkäufer räumen die Andenken-Ständer zurück in die Geschäfte, letzte Kunden werden noch bedient und huschen aus den Läden, die Geschäftsleute verschlissen die Türen, Rollläden senken sich, Lichter werden bis auf die Auslagenbeleuchtung gelöscht, die Musiker haben ihr Programm beendet und werden mit viel Applaus verabschiedet. Vereinzeltes Gelächter und angeregte Diskussionen zeigen noch an, welcher Schanigarten noch zu besuchen ist. Schön langsam kehrt wieder die Ruhe in diesem Städtchen zurück.

© Andreas Tatowsky 2021-06-11

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