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Seelenreise

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Seelenreise | story.one

Meine Pilgerfreundinnen zogen weiter. Jahr für Jahr gingen sie ein Stück des Weges, in Richtung Santiago de Compostela. Und ich sah wehmütig hinterher. Mein linkes Knie hatte mich im Stich gelassen. Sogar einen Operationstermin hatte man mir auf den Tisch gelegt.

Das hat man davon, wenn man glaubt, mit den Enkelkindern auf Skiern um die Wette flitzen zu müssen. Bei starkem Schneefall und bei Nebel hatte ich eine Bodenwelle übersehen, dabei war die Verletzung passiert. So war es erst einmal unmöglich, mein Gelöbnis einzulösen. Sarah ist ja inzwischen auf wundersame Weise, von ihrer Neurodermitis befreit.

Versprechen gehalten? Der Zeit gehört alles, der Zeit mein Gebet.

Ich begleitete, die immer kleiner werdende Gruppe, stets im Gedanken, als sie auf ihrer Pilgerreise, zuerst durch Tirol und Vorarlberg, danach durch die Schweiz und Frankreich zogen. Immer schickten sie mir Bilder, von besonderen Eindrücken, entlang ihres Weges. Die Hoffnung blieb, auch wieder einmal mit dabei zu sein.

Während eines kurzen Mittagsschläfchens hatte ich dann diesen seltsamen Traum.

Ich bin mit meinen Pilgerfreundinnen durch Frankreich unterwegs. Es ist herrliches Wetter und wir sind alle luftig angezogen. Ich spüre die Sonnenstrahlen auf der Haut und den weichen Luftstrom, der durch mein Haar streift. Ich schreite flotten Schrittes dahin, obwohl die Schwere meines Rucksackes mir auf die Schultern drückt. Vor mir sehe ich Cilli gehen. Ihr rötlicher Schopf wippt bei jedem Schritt über ihrem hellgrünen Rucksack. Ich sehe braungebrannten Beine und ihr zielstrebiges Voranschreiten. Das Lachen von Gerti erklingt hinter mir und Herta kommt plumpsend nachgelaufen. Gabi ist wie immer weit voraus und schon um die nächste Kurve verschwunden. Ich höre sie etwas zurückrufen. Wir bewegen uns alle auf einem schmalen Pfad durch einen lichten Laubwald. Die Luft flimmert bei dieser Hitze, welche brütend über dem Land liegt.

Als auch ich nach dieser Wegbiegung ankomme, da sehe ich das beeindruckende Bild vor mir. Die schroffe, im weichen Licht des Nachmittags schimmernde, Felsenformation. Gabi stet auch ganz beeindruckt da. Jetzt weiß ich, was sie uns sagen wollte. Da oben sehe ich nun auch die mächtige, weithin sichtbare Statue der Gottesmutter. Cilli erklärt, sie hätte nachgelesen, dass auf der Rückseite des Felsstockes ein Weg hinaufführt, über dem man das Plateau ganz leicht erreichen könnte.

Die ganze Geschichte von diesem Traum, wäre ja gar nicht so aufregend, wenn nicht einige Tage später eine Ansichtskarte ins Haus geflattert käme, worauf genau dieses Bild, mit diesem rötlich schimmernden Felsen und der Marienstatue abgebildet war. Meine Pilgerfreundinnen hatten sie mir geschickt und genau beschrieben, welch wundersame Eindrücke sie auf diesem Felsenpfad hinauf zur Statue hatten.

Seither frage ich mich: "war das wirklich ein Traum, oder hatte sich meine Seele klammheimlich auf dem Weg gemacht, um mein Gelöbnis einzulösen?"

© Angela Buchegger 2021-05-04

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