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#kindheit#leichtigkeit#zukunft

Geizige Wintersonne

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Geizige Wintersonne | story.one

Ich springe noch einmal ins tĂŒrkise Wasser, weil ich Angst habe, am Ende meines Lebens nicht genug in meiner Lieblingsfarbe verbracht zu haben. Unser Boot legt an, ich umschwimme es einmal und schaue zu, wie meine Mutter, mein Opa und ein paar andere Verwandte an Land gehen. Ich klettere die alte Leiter der Steinmauer hoch, schaue noch einmal kurz zum Wasser und renne ihnen hinterher. Ich spĂŒre die barfĂŒĂŸige Freiheit - mit weniger Gewicht auf den Knochen bohren sich die Steinchen auch nicht so tief in die Sohlen. Die heiße Luft knistert sofort in meinen Haaren und ehe wir das alte HĂ€uschen unserer Freunde erreicht haben, sind sie auch schon trocken. Die hölzerne Schaukel, die Sommer fĂŒr Sommer auf mich wartet, hat einen neuen Anstrich bekommen. Ich fange an zu schaukeln, der Wind raschelt durch die KiwiblĂ€tter ĂŒber meinem Kopf und ich singe, als gĂ€be es nur mich auf dieser kleinen, warmen Insel. Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke in das Licht, das durch das grĂŒne Dach ĂŒber mir fĂ€llt. Ein GefĂŒhl von Isolation und Freiheit ergreift mich. In dieser Isolation findet man die Freiheit, zu sein, wer man möchte und nicht, was andere reflektieren. Nur die Reflexion des Meeres zeigt einem, wer man wirklich ist. Wusste ich das damals als Kind schon oder ist dieser Gedanke von heute? Ich trĂ€ume mich in eine Zukunft, die noch wĂ€rmer erscheint als der Steinboden, auf dem ich mein Handtuch zum Trocknen ausgebreitet habe. Ich habe das ganze Leben noch vor mir und lebe jetzt schon. Was fĂŒr ein ermutigender Gedanke. Ich höre die Stimme meiner Mutter aus der KĂŒche und das bedeutet kalte Wassermelone, serviert auf dem Tisch mit der kultigen roten Wachstischdecke. Ich beiße rein und der sĂŒĂŸe Saft verteilt sich im Mund und bildet einen kalten Kontrast zu meiner aufgewĂ€rmten Haut.

Meine aufgewĂ€rmte Haut bringt das Fieberthermometer zum Piepsen. Ich schaue drauf: 38,8 Grad. Das hatte ich schon lange nicht mehr. Im Winter werde ich immer so schnell krank. Ob das wohl am Alter liegt? Ich schaue mich um. Im Wohnzimmer meiner neuen Wohnung ist es dunkel, aber ich weiß, dass noch lange nicht Nacht ist. Ich sinke zurĂŒck in den fiebrigen Schlaf und ein zweiter Traum erfasst mich. Weniger detailreich, aber mindestens genauso realistisch wie der erste, wirft er seine Bilder auf meine innere Leinwand. Er spielt nun nicht mehr am Meer und in meiner Kindheit. Im zweiten Traum wie in der RealitĂ€t ist es Winter. Ich habe mich an die schweren Winterstiefel gewöhnt und trage die Hoffnung auf weniger Ballast auf den Schultern vor mir her - RĂŒckschlĂ€ge bohren sich nicht mehr so tief in die Seele. Meine Haut fĂŒhlt sich nicht mehr wohlig warm an, sondern sie brennt trotz des bewölkten Himmels. Ich schaue zum grauen Wolkendach ĂŒber mir und lĂ€chle der geizigen Wintersonne zu.

"Dich kriege ich noch."

© Anna Radonic 2021-12-23

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