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#mut#träume#selbstliebe

Ode an ein fleißiges Mädchen

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Ode an ein fleißiges Mädchen | story.one

Es war einmal ein Mädchen. Es wuchs auf und wollte Geschichten-Erzählerin werden, so wie ihr Vater. Sie wuchs weiter, sah mit ihrem Vater den Schnee fallen und fragte sich, was der Schnee wohl alles berühren würde. Sie wurde älter und wollte jetzt doch lieber Sailor Moon werden und für Gerechtigkeit kämpfen, denn mit fünf erkannte sie schon, dass die Welt alles andere als gerecht war. Sie fing an zu singen und schwor sich, neben dem Kampf gegen die Ungerechtigkeit, auch Sängerin werden zu wollen, denn wenn sie sang, lieh sich ihre Seele die Kraft der Worte, die sie noch nicht selbst ausdrücken konnte.

Sie ging nun zur Schule und das erste Mal war sie mit Menschen konfrontiert, die ihren Körper nicht nur als Körper sahen. Sie sahen ihn als Form. Sie traf Schüler, die ihre Nase nicht nur als Nase sahen, sondern als ein Kriterium. Sie erfuhr das erste Mal, dass ein Po viel mehr kann als nur sitzen und fragte sich, wieso er solches Interesse bei anderen hervorrief. Vor allem fragte sie sich jedoch zunehmend, wieso gerade sie mit dieser Form und diesem Kriterium gestraft war. Nichts schien mehr so wie sie es einmal für sich definiert hatte. Denn nun definierten andere sie. Dieses Mädchen musste nun also erwachsen werden und ihren Platz in der Welt finden.

Die Suche war schwer, denn die Welt war groß und doch komplizierter als sie dachte. Früher war ihr alles so einfach erschienen: Gib Gutes, dann bekommst du Gutes zurück. Jahre vergingen und in ihrem Kopf tanzten hunderte Ideen, eine verschwommener als die andere: „Ich werde Lehrerin, ich werde Tierärztin, ich werde auf jeden Fall Chinesisch studieren, ich werde Fotografin, ich sollte lieber etwas mit Wirtschaft machen, sonst wird nichts aus mir, ich werde …“. Bei den ganzen Ideen verlor sie fast sich selbst und bevor sie sich versah, dachte sie nur noch: „Ich werde das niemals schaffen“. Dieses Mantra begleitete das Mädchen fortan.

„Ich werde es niemals schaffen“, sagte sie und schloss als einer der Klassenbesten die Schule ab.

„Ich werde es niemals schaffen“, sagte sie und entdeckte die Welt, die ihr damals noch so unbezahlbar erschien.

„Ich werde es niemals schaffen“, sagte sie und baute sich das geborgene Zuhause auf, das sie sich seit ihrer Kindheit zurückwünschte.

„Ich werde es niemals schaffen“, sagte sie und feierte ihren Studienabschluss.

„Ich werde es niemals schaffen“, sagte sie, während sie ihre Gedichte in einem hübschen Magazin las.

„Ich werde es niemals schaffen“, sagte sie, nachdem sie die Bewerbung für die Ausbildung als Journalistin abgeschickt hatte.

„Ich werde es niemals schaffen“, wird sie hoffentlich sagen, nachdem sie ihren ersten journalistischen Beitrag veröffentlicht.

Sie wird singen, sie wird schreiben, sie wird leben und lieben.

Sie wird Geschichten erzählen.

„Ich habe schon einiges geschafft“, dachte sie, während sie in die Zukunft blickte und die Gegenwart genoss.

© Anna Radonic 2021-04-11

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