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#gedanken#polizei#drogen

Gedanken denken!

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Gedanken denken! | story.one

Da lag ich nun in meiner Zelle, das Adrenalin und die Drogen in meinem Körper verloren ihre Wirksamkeit. Der Schmerz wurde immer unerträglicher. Ich zog meine Hose aus und sah, dass mein Unterschenkel und das Knie auf das Doppelte angeschwollen waren. Mir wurde bewusst, dass es etwas Gröberes sein musste. Auf einem Bein hüpfte ich zur Tür und begann zu Trommeln, über den Lautsprecher fragte einer der Beamten: „Ja, was möchten sie?“. „Ich glaube, mein Bein ist gebrochen. Sie sollten einen Arzt rufen!“, rief ich in Richtung Sprechanlage. Keine Antwort! Vielleicht hätte ich ihnen nicht drohen sollen, dass ich sie zu Hause besuchen werde. Ich wartete und nichts passierte. Nun begann ich mit einem richtigen Trommelkonzert, das sich über eine mir nicht mehr bekannte Dauer erstreckte. Irgendwann öffnete sich die Tür, der Duft frischgekochten Kaffees erfüllte meine Zelle. Ich konnte es nicht fassen, sie tranken Kaffee, während ich mich vor Schmerzen in meiner Zelle im Selbstmitleid badete. Das hatte ich wohl verdient. Er schaute mich an, ich zeigte auf mein Bein. Ein kurzes Schaudern fuhr in sein Gesicht. Die Tür schloss sich wieder und ein paar Minuten später stand der Rettungsdienst auf der Schwelle.

Nach meiner Operation am Bein wachte ich im Krankenzimmer auf. An meinem Arm hing eine Infusionsnadel und der Schlauch führte zu einem kleinen Gerät am Kopfende, in dem sich ein Behälter mit einer Flüssigkeit befand. Valoron! Ein kleines Display, links von mir, mit einem herunterlaufenden Countdown. Wenn der Countdown bei null angekommen war, konnte ich auf einen kleinen Knopf drücken, welcher die Spritze in dem Kasten hinter mir aktivierte und mir einen Schuss verpasste. Ich spürte nichts mehr und fühlte mich genau so, wie die letzten Jahre, voll auf Drogen. Jedes Mal, wenn ich meine Augen schloss, sah ich über all um mich herum verbrannte Erde. Ich erblickte die jüngst zurückliegende Vergangenheit und auch alles, was davor geschah. Totaler Kontrollverlust! Der Wirkstoff Tilidin hat neben seiner schmerzlindernden Funktion, noch einige weitere wunderbare Fähigkeiten. Während ich gedanklich über den Scherbenhaufen meines Lebens wanderte, schenkte er mir seine beruhigende Salbung. In diesem Zustand sah alles gar nicht mehr so schlimm aus. Schon lange hatte ich nicht mehr so viel Ruhe gefunden, ich war allein, mit meinen Gedanken und dem ablaufenden Countdown, welcher mir gleich die nächste Dosis bescheren würde. Hin und wieder verschwand ich in den dunkelsten Ecken meines Verstandes und tauchte schweißgebadet wieder auf. Im Delirium analysierte ich die letzten Jahre. Glücklicherweise verhinderte der Medikamentencocktail jegliche negativen Gedanken und Gefühle und hielt mich trotz des unbestreitbaren Dilemmas, in einem Kokon des Wohlbefindens isoliert. Ich verließ das Krankenhaus mit einer Entscheidung. Veränderung war unvermeidlich! Vor dem Krankenhaus wurde ich bereits von freundlichen Beamten erwartet.

© Attila Moser 2020-12-02

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