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#entscheidung#leben

Leiden oder Scheiden?

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Leiden oder Scheiden? | story.one

Sieben Jahre waren wir schon verheiratet, als wir uns dazu entschieden, einen unserer großen Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Wir eröffneten eine Konditorei und ein wenig später auch ein Lokal. Voller Tatendrang machten wir uns ans Werk, wir fühlten uns stark und unzerbrechlich. Hochzeiten, Caterings, Fotoshootings, Motiv-Torten unzählige Cup Cakes und Cake Pops und natürlich unsere Tätigkeiten im Lokal. 80 bis 100 Stunden die Woche, waren keine Seltenheit. Irgendwie drehte sich alles nur noch ums Arbeiten und trotzdem hatten wir Freude dabei. Die Gäste unseres Lokals, merkten nichts, von unserer nahenden schweren Beziehungskrise. Wenn die Pforte zum Restaurant sich öffnete, schalteten wir so gut es gerade möglich war, auf den Businessmodus um. Ich stand in der Küche, kochte die Speisen und Anita machte die Getränke und bewirtete, wie zu der Zeit, als wir uns kennenlernten. Ohne Zweifel hatte ich den besseren Platz zum Arbeiten, denn in meiner Küche kam außer meiner Frau und gelegentlich ein Stammgast, niemand vorbei. Anita hingegen, war im ständigen Kontakt zu unseren Gästen und musste sich stets bemühen, ihre Emotionen zu unterdrücken. Warnungen von Freunden und Bekannten, unsere körperlichen Ressourcen im Blick zu behalten, flogen als nebensächliche Information an uns vorbei. Das Lob über unseren Fleiß, der Schaffenskraft und Aufopferungsbereitschaft wog für uns schwerer, als die Alarmsignale aus unserem Umfeld. Ich spürte, dass wir uns auf einen Abgrund zu bewegten und das Gefühl der Hoffnungslosigkeit begann in mir heranzuwachsen. Meine Versuchungen, mit meiner Frau ins Gespräch zu kommen, endeten über Monate hinweg in einem endlos erscheinenden Streit. Wir zerfleischten unsere Seelen in gegenseitigen verbalen Ausbrüchen und nutzten all unsere zur Verfügung stehenden Waffen. Die verwundbaren Punkte des Partners, die wir in einer Beziehung kennenlernen dürfen. Wir befanden uns inmitten einer selbsterschaffenen Hölle wieder. Eine Achterbahn der Gefühle, die sich zum Ende hin, nicht mehr in die Höhe der Freude empor zu erheben vermochte. Doch an einem Abend, es war im Dezember, kurz vor dem Jahreswechsel erhaschten wir einen Moment, den wir nutzten, um ins Gespräch zu kommen. Wir sprachen sehr lang und ich bemühte mich, den Gefühlen meiner Frau mehr Achtung zu schenken. Die Erkenntnis, über unseren Zustand, die möglichen Folgen, wenn wir diesen Lebensstil weiter verfolgen würden und unser Eheversprechen drängten uns zu einem Entschluss.

Tja! Da wir beide Scheidungskinder sind, war das Wort Scheidung stets bei uns beiden, in einer gedanklichen Schublade mit der Aufschrift „Nicht öffnen!" verstaut. Das Leiden hatte bereits jede Grenze der Erträglichkeit überschritten und die Kraft und Kreativität für konzeptionelle Veränderungen war nicht greifbar. Wir beendeten den Traum, der zum Alptraum wurde und schlossen für ein Jahr das Lokal. Es war eine gute Entscheidung.

© Attila Moser 2020-11-19

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