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Lockdown Tag 1 - Die Kollegin

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Lockdown Tag 1 - Die Kollegin | story.one

Ich nehme mir die Zeit, ein wenig über vergangene Tage nachzusinnen über die verschiedenen Lebensabschnitte und die Menschen, welche meinen Weg kreuzten. Auch wenn die Ansicht und das Empfinden der momentanen Situation für jeden ein wenig anders ausfallen wird, so sitzen wir derzeitig alle im selben Boot. Dieser Lockdown war sicher nicht unser Wunsch, jedoch ist es einzigartig in der Menschheitsgeschichte und jeder sollte diese Zeit für sich und sein näheres Umfeld bestmöglich nutzen.

Keine Frage, sie hatte das Sagen, als ich meinen neuen Arbeitsplatz betrat. Wie die Dirigentin eines Orchesters, gab sie durch Einsatz ihres gesamten Körpers zu verstehen, wer wann, wo und wie zum Einsatz kommen sollte. Besonders auffällig war von Anfang an, wie sie ihre Mimik in einer beinahe beängstigenden und faszinierenden Art zugleich benutzen konnte, um ihren Anliegen mehr Nachdruck zu verleihen. Ich betrat ihr Königreich, das spürte ich sogleich. Ihrer entzückenden Art zu herrschen, konnte selbst der Eigentümer des Lokals nicht widerstehen. Sie war der wahre Boss, der alles zusammen und am Laufen hielt.

Schon immer, wenn ich mich dem Zubereiten von Speisen hingab, schwebte ich bereits gedanklich über der Person, welche gleich mein Gericht verspeisen würde. Genau in dem Moment, wenn der Teller zum ersten Mal das Blickfeld erreicht und ein Staunen über dieses liebevoll angerichtete Ensemble von Köstlichkeiten, durch das Antlitz fährt. Gefolgt von den Augen des Genusses, wenn der erste Bissen verschwindet bis hin, zu dem leer geputzten Teller, welchen meine Kollegin mit einem Strahlen zurück in die Küche brachte. Wir wurden ganz schnell zu einem wunderbar eingespielten Team, das sah auch der Geschäftsführer, weshalb er auch immer weniger zu erscheinen pflegte. Von Zeit zu Zeit war es so, als wenn dies unser eigenes Lokal wäre.

Tag für Tag, Woche für Woche trafen wir uns und taten das, was wir am besten konnten. Sie, mit ihrem gottgegebenen Talent zu verkaufen und ich, mit dem stetigen Streben nach Exzellenz, beim Zubereiten und Präsentieren der prächtigsten Speisen. Nach und nach wurde ich ein Teil ihres Orchesters und dabei war ich doch selbst ein Dirigent. Oh, wir waren ein fantastisches Duett. Wenn ich zurückdenke, dann erinnere ich mich daran, dass ich aus unerklärlichem Grunde stets versuchte, ihren Blicken auszuweichen. Bis zu diesem einen unvergesslichen Moment, als ich zum ersten Mal in ihre wunderschönen glänzenden Augen blickte. Die Zeit stand still. Etwas Unaussprechliches, wie ein Zauber, voller Magie zog es mich in ihren Bann. Augen, in die man sich hinein fallen lassen wollte, weil sich dahinter ein unbeschreibliches Gefühl der Geborgenheit zu verbergen schien. Wir wurden Freunde, lernten uns schätzen und irgendwie auch lieben. Sie war und ist die beste Kollegin, die man sich wünschen kann. Sie ist meine Freundin, die Mutter unserer vier Kinder und meine Ehefrau. Seit nun fast 16 Jahren. Ich liebe diese Frau!

© Attila Moser 2020-11-18

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