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#lebenswille#lebensentscheidung

Lockdown Tag 8 - Der Sprung

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Lockdown Tag 8 - Der Sprung | story.one

Ich sitze gerade auf der Terrasse unseres Apartments in Saranda und blicke auf die Insel Korfu. Von hier fĂŒhlt sich die Entfernung nach Griechenland, wie ein Katzensprung an. Doch die Grenzen sind zu, vielleicht klappt es zu einem anderen Zeitpunkt. Ich liebe diese Augenblicke, wenn mich mein Verstand lĂ€ngst vergangene Geschehnisse nochmal erfahren lĂ€sst und ich wie ein unsichtbarer Zuschauer das Spektakel von außen mit verfolgen darf. WĂ€hrend ich mich springen sehe, lasse ich die Zeit einfrieren.

Es war das Jahr 2001 und ich tĂ€nzelte mit einem unglaublichen Tempo auf den Abgrund zu, welcher entweder mit einer lebenslangen Haft oder dem Tod geendet wĂ€re. Kein Tag verging, an dem ich nicht schon am Morgen, mein erstes Kokain oder Crystal konsumieren musste. FrĂŒhstĂŒck war wichtig! Verantwortung hatte ich nur fĂŒr mich zu tragen. Ab Donnerstag, jede Woche ging die Party los. Durch Clubs, Diskotheken, Bars und private Parties bis hin zum FrĂŒhstĂŒck, in einem der bekannten Domizile fĂŒr NachtschwĂ€rmer. Meistens endeten diese verlĂ€ngerten Wochenenden am Montag, Dienstag oder Mittwoch. Wenn ich heute an diese Zeit zurĂŒckdenke, dann ist es gerade zu unglaublich, dass ich noch am Leben sein darf. Da ich mich selbst dem Vertrieb berauschender Mittel verschrieben hatte, konnte Feiern und Arbeiten optimal miteinander verbunden werden und ich drehte meine Runden im Kreislauf des ewigen VergnĂŒgens. Bei meiner Analyse dieser Epoche meines Lebens stellte ich spĂ€ter fest, dass die Regenerationsphasen zwischen dem vermeintlichen VergnĂŒgen zu kurz gehalten wurden. Es war der Abend dieses Sprungs, der mein ganzes Leben drehen sollte. Als hĂ€tte mich jemand vom Schachbrett genommen, damit ich mein bisheriges Leben einmal von außen betrachten könne. Ich hatte gerade eine meiner nĂ€chtlichen AktivitĂ€ten beendet und war voll von Amphetaminen zur UnterstĂŒtzung der Aufmerksamkeit. Plötzlich war ich von Polizei umzingelt. „Stehen bleiben!“, riefen die Beamten. Sicher, dachte ich mir und begann zu rennen. Das war nicht das erste Mal, dass ich mich dem Zugriff der Staatsgewalt durch eine Flucht entziehen musste aber es sollte die letzte sein. Ich kletterte ĂŒber eine Mauer. Auf der anderen Seite war es tiefer als erwartet und wĂ€hrend ich sprang, sah ich, dass hier noch mehr Beamte auf mich warteten. Bei meiner Landung traf es mich, wie ein Blitz. Von meinem Fuß, durch das gesamte Bein bis ins Hirn. Mein Unterschenkel wurde lĂ€ngs gespalten. Der Arzt im Krankenhaus meinte nur, dass es eine irreparable Verletzung sei, die mich den Rest meines Lebens beschĂ€ftigen werde. Ist ja nur ein Bein! Meine kriminelle Laufbahn war zwar noch nicht beendet aber ich hörte den Gong zur finalen Runde dieser Lebensphase. Eine Entscheidung musste her. Jetzt bin ich hier, in diesem Leben, mit einer fantastischen Ehefrau und vier wunderbaren Kindern. WĂ€hrend ich mich springen sehe, friere ich fĂŒr einen Moment die Zeit ein. Ich wĂŒrde mit Freuden nochmals springen.

© Attila Moser 2020-12-01

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