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#trauer#tod#dankbarkeit

Antonia geht

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Antonia geht | story.one

Als er den Blinker setzte und in die triste 60iger Jahre Siedlung, in der er aufwuchs, einbog, ist schon beim Betreten des Stiegenhauses der Abschied im ganzen Haus spĂŒrbar. Die Dringlichkeit die seine Mutter an den Tag legte und mit der sie ihn aufforderte sofort ins Auto zu steigen und zu kommen, störte ihn in diesem Moment und er reagierte harsch. Der Besuch war fĂŒr den nĂ€chsten Tag geplant und er konnte dem energischen DrĂ€ngen wenig abgewinnen. Die Ernsthaftigkeit der Lage war fĂŒr ihn in diesem Moment nicht ersichtlich. Erst 2 Tage davor hatte er die Kranke besucht, sie hatte Atemnot, aber der Tod war ihr noch nicht ins Gesicht geschrieben.

In den letzten Stunden hatte der Sterbeprozess eingesetzt, sie hatte aufgehört zu essen und auch FlĂŒssigkeit zu sich zu nehmen. Wenige Male öffnete sie noch die Augen und sie versuchte einen kurzen Blick von ihm zu fassen und sie gab sich alle MĂŒhe den Mund zu öffnen, um noch ein paar wenige Worte zu finden. Doch der Versuch scheiterte. Langsam schien sie hinĂŒber zu trieften in die uns allen unbekannte Welt. Sie war dabei ganz ruhig. Widererwarten spiegelte sich keine Angst und keine Unruhe in ihrem mit jeder Stunde schöner und ebenmĂ€ĂŸig werdenden Gesicht. Es schien, als ob sie dem eigenen Atem lauschte und sich darin ĂŒbte nicht den Rhythmus zu verlieren. Der kranke und von den Metastasen aufgedunsenen Körper wurde dabei immer nebensĂ€chlicher. Am Krankenbett stehend und ihre Hand haltend kamen die TrĂ€nen und die Erinnerungen wie von selbst. In ihm wurden die Erinnerungen lebendig und als er die Augen schloss, sah er all die Menschen die sich sonst zu den Familienfeiern in diesem engen und kleinen Raum zu Hauff einfanden. In diesen Stunden war Antonia auf dem Weg, die Letzte und hoffentlich höchste Feierlichkeit in ihrem Leben auszurichten. Sie war es in der Familie, die fĂŒr Zusammenhalt sorgte, die Köstlichkeiten auf den Tisch brachte und niemanden gehen ließ, bevor nicht alle Ă€chzten und stöhnten um dann flehentlich bettelnd auszustoßen: "nun ist es an Genuss genug!"

Durch das klĂ€gliche Weinen der Schwestern im Nebenraum wurde er aus der Erinnerungswelt zurĂŒckgeholt und er spĂŒrte, dass die Hand in seiner kalt und wachsfarben geworden war. Das Atmen hatte aufgehört und in Antonias Gesicht spiegelte sich Erlösung und ein tiefer Friede. Er meinte auch ein zartes LĂ€cheln wahrzunehmen.

Noch nie war er in der Stunde des Todes bei einem Menschen, noch nie war er einem sterbenden Menschen so nahe. Alles, was sich an Widerstand in ihm auf dem Weg zur Sterbenden aufgetan hatte, erschien ihm nun unendlich trivial. Im Anbetracht des Todes war nun die eigene Befindlichkeit so nichtig und klein. Da war nur mehr dieses große GefĂŒhl der Dankbarkeit, der Demut und der Wahrhaftigkeit. Der Abschied war gekommen und auch wenn das Gehen von Antonia einen Verlust darstellte, so war in diesem Moment der Reichtum des Lebens gegenwĂ€rtig.

Und
um mit Ferdinand von Schirach zu sprechen: “Der Tod ist die Heilung vom Leben!"

© avadiva 2021-04-07

Zahlt sich das Leben aus?Die Worte meiner SeeleEinen geliebten Menschen verloren

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