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#freiheit#ruhe#liebe

Bedingungsloses Grundeinkommen

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Bedingungsloses Grundeinkommen | story.one

Meine Großmutter lebte sehr zurückgezogen. Mit jedem Jahr das sie älter wurde, zog sie sich mehr in sich und von der Umwelt zurück. Eines Tages verließ sie überhaupt nicht mehr das Haus und nur selten sah man sie auf der Bank im Garten in der Sonne sitzen. Lebensmittel und andere lebensnotwendige Dinge ließ sie sich bringen. Der Krieg hatte tiefe Spuren in ihrer Seele hinterlassen. Für die ledige Tochter aus dieser Zeit erhielt sie Demütigungen, Spott, Hass und Beschimpfungen. Sie beklagte sich nie. Nie kam ein schlechtes Wort über ihre Lippen. Selbst wenn sie von Nachbarn bespuckt wurde. Die Konsequenz sie suchte keinen Kontakt und keine Nähe zu den Menschen und selbst der eigenen Tochter verwehrte sie des Öfteren den Zutritt ins Haus. Sie hatte weder einen Fernseher, ein Telefon noch ein Radio. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich bei meinen Besuchen jemals ein Buch in ihrem winzigen Haus sah. Einzig die Tageszeitung war täglich in ihrem Briefkasten zu finden. Sie war tiefgläubig und die Heiligenbilder an den Wänden waren ihr Trost und Nähe genug. Später dachte ich mir oft, wenn man ganz bei sich selbst angekommen ist, dann ist das Aussen nicht mehr relevant.

Vielleicht habe ich das große Bedürfnis nach Zurückgezogenheit und Ruhe von meiner Großmutter geerbt. Denn seit 6 Wochen war ich kaum mehr aus dem Haus. Ich warte, dass mich der große Lagerkoller packt, mich die große Depression überkommt, ein großes Redebedürfnis überfällt, die Sehnsucht nach Menschen unhaltbar wird. Doch es regt sich nichts.

Die im Homeoffice notwendigen Videokonferenzen, die Teamsitzungen über Skype und die Telefonanrufe von Familienmitgliedern und Freunden lassen mich stets aufschrecken und reißen mich aus meiner tiefen Ruhe. Je länger diese auferlegte und vom Staat verordnete Distanz anhält, umso weniger suche ich das Außen. Ich will nicht mehr, dass diese Welt da draussen in mein stilles Leben eindringt. Weit weg sind die täglichen Pflichten. Keine Pflicht tiptop gestylt bei der Arbeit zu erscheinen, keine Überlegung welches Restaurant gewählt wird, für ein gesundes Mittagessen, keine Meetings wo Schall und Rauch verbreitet wird, keine langweiligen Treffen nach der Arbeit aus Pflichtbewusstsein und schon gar nicht, weil ich denke ich muss dabei sein. Ich muss am Laufenden bleiben, ich muss wissen was da draussen los ist in dieser Welt.

Inzwischen fürchte ich mich schon, wenn alles wieder auf Normalbetrieb umgestellt ist, wenn alle wieder losrennen und die Einkaufszentren stürmen, wenn die Straßen wieder verstopft und die Einkaufstaschen mit unnötigen Zeug gefüllt sind. Ich fürchte mich vor dem Lärm da draussen, vor den vielen Veranstaltungen, Belustigungen, Unterhaltungen die alle dazu dienen uns von uns selbst abzulenken. Niemals über uns selbst nachzudenken und es verhindern, dass wir uns mit uns selbst beschäftigen.

Ich bin für ein bedingungsloses Grundeinkommen damit die Menschen wieder bei sich selbst ankommen.

© avadiva 2020-04-20

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