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#lernen#lesen#sinndeslebens

Bildungsberaterin ohne Bildung

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Bildungsberaterin ohne Bildung | story.one

Zeitlebens beschäftige ich mich damit was es heißt “Bildung zu haben” und was es heißt ein gebildeter und intelligenter Mensch zu sein. Ich komme aus einer bildungsfernen Familie. Das Wort Bildung kam in unserem Sprachgebrauch nicht vor. Niemals wurden bei mir schlechte Noten infrage gestellt. Ein Standart Satz meines Vaters war: “kränk di net, wir san net gscheit, woher sollst denn du die Gscheitheit Hernehmen?” Ich komme aus einem Umfeld von Bauern, Arbeitern und ganz einfachen Leuten. Harte körperliche Arbeit stand im Mittelpunkt und wenn man sich dem widersetzte und vielleicht sogar Bücher las, war man ein Tagedieb und ein Versager. “Des is für NIX!” hörte ich ständig. Das geschriebene und das gesprochene Wort diente den Menschen in meiner Umgebung vorrangig dazu Befehle zu erteilen oder zu empfangen. Meine Eltern gingen 8 Jahre in die Volksschule. Lesen und Schreiben wurde Ihnen nur mangelhaft beigebracht. Sobald ich aber Buchstaben aneinander reihen konnte und sinnerfasst lesen konnte war es mein Job, Erlagscheine auszufüllen, amtliche Angelegenheiten und sämtliche Korrespondenzen zu erledigen. Meine Mutter diktierte, ich formulierte. Briefe, Postkarten, Beschwerden, Trauerbekundungen, Glückwünsche, Einkaufslisten. Ich sagte bei Hochzeiten, Beerdigungen und Taufen Gedichte auf, las aus der Zeitung vor und musste Vielen vieles ausrichten. Heute weiß ich nicht mehr wie ich an Bücher kam, aber alles, was Buchstaben hatte, wurde von mir verschlungen. Meist waren es keine Kinderbücher, vieles verstand ich nicht. Doch Welten taten sich auf und ich tauchte ein und erkannte, dass es neben meiner kleinen Welt Tausende und abertausende Lebenswelten, Menschen, Schicksale und Charaktere gab. Plötzlich war ich nicht mehr in meiner Welt isoliert und das Papier bot mir Ausdruck, Form und Seelenheil. Ich lernte die “Meinigen” zu verstehen und konnte zuordnen, warum welche Reaktionen auf bestimmte Begebenheiten folgten.

Die Bauernkinder wurden in der Schule verachtet und mir wurde von Lehrern oft mitgeteilt: “Bleib daheim, klaube Erdäpfel für die Schule bist du sowieso zu blöd!”. Jede Anstrengung, Neugier und Wissbegier wurde im Keim erstickt. Das Schulsystem nahm mir jeglichen Glauben, dass Wissen etwas Wertvolles sei. Ich war eine Schulversagerin und meine durchlittene Not schrieb ich in unzählige Hefte.

Dennoch war und blieb das Lesen und Schreiben meine Leidenschaft und ich eignete mir alles, was für mich interessant und für mein Leben wichtig war selbst an. Das Lesen machte mich eloquent und ich konnte durch meine Ausdrucksfähigkeit andere von meinem Wissen und meiner Intelligenz überzeugen. Später traf ich zur richtigen Zeit spannende, fördernde und unvoreingenommene Menschen, sodass ich immer in interessanten und erfüllenden Akademikerjobs arbeiten konnte. Ich bin Bildungsberaterin und unterstütze Frauen dabei ihren ureigensten Weg zu gehen und das Lernen immer auch Leben bedeutet.

© avadiva 2021-02-28

Alles Schule oder was Der Sinn des Lebens

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