skip to main content

#1sommer1buch#kindheit#familie

Darüber spricht man nicht!

  • 270
Darüber spricht man nicht! | story.one

Über bestimmte Dinge spricht man nicht. Schon gar nicht in der Familie. Vielleicht, weil vieles nicht in Worte zu fassen ist oder weil man für bestimmte Angelegenheiten keine Worte findet. Sprachlos und fassungslos werden Begebenheiten in unbewusste Sphären verschoben und treten als seltsame Verhaltensweisen im Erwachsenenleben an die Oberfläche. Manche werden krank, andere verhaltensauffällig, wieder andere werden Künstler/Künstlerinnen. Meine Familie hat alles zu bieten. Menschen mit narzisstischen Verhaltens- und Verbitterungsstörungen, Herzkranke, Depressive, Selbstmörder (keine Selbstmörderinnen) Opfer (Schuld sind immer die Anderen), Alkoholkranke, Nikotinabhängige, Fettleibige, Magersüchtige und Künstler/Künstlerinnen. Wir haben keine Gewalttäter in der Familie, was mich persönlich beruhigt und keiner im engeren Kreis ist wirklich bösartig. Obwohl meine Schwester schon öfter ihren Mann verprügelt hat, aber Gewalt von Frauen an Männern, gibt es ja eigentlich nicht. Zumindest wird darüber nicht gesprochen. Wenn darüber gesprochen wird, dann war es wohl Notwehr. Fast alles in meiner Familie passiert aus Unbedachtheit und aus der Unfähigkeit heraus zu reflektieren. Mein Mann findet meine Familie originell. Aber er kommt von Außen ins System und sieht meine Familienangelegenheiten mit anderen Augen.

Ich wurde in ein bäuerliches Milieu hineingeboren. Wir waren keine reichen Bauern. Nur wenige Hektar Grund und Boden gehörten zum Hof. Mein Vater war Nebenerwerbsbauer. Tagsüber rackerte er sich in der Brauerei Puntigam als Hilfsarbeiter ("Lustig samma Puntigamer") und dann bis zum Einbruch der Dunkelheit am Hof ab. Er wollte nie Bauer sein, aber als einziger Sohn wurde ihm der Hof ohne nachzufragen, einfach übergeben. Die Schwestern waren, obwohl sie den Hof nicht haben wollten neidisch und gaben ihm fortan zu verstehen, dass sie zu kurz gekommen waren. Zwist und miese Stimmung waren an der Tagesordnung. Meine Großmutter war und meine Tanten sind mit einer sehr groben Natur ausgestattet. Unverblümt und ohne Gespür werden Ansichten und Meinungen kundgetan. Sie verletzten und kränkten mit solcher Wucht, sodass irgendwann alle angeheirateten Männer in meiner Familie zum Strick griffen und sich erhängten. Mein Großvater im Schlafzimmer, ein Onkel im Keller, zwei andere Onkel am Dachboden. Betroffen über die Selbstmorde waren nur wir Kinder. Von den Erwachsenen kam lediglich ein Schulterzucken, ein verständnisloses Kopfschütteln oder ein: "Im Rausch hat er sich umbracht, selber schuld, was säuft er auch soviel." Mein Vater war dann immer die erste Ansprechperson für seine Schwestern. Er musste nachschauen, ob ihre Ehemänner ihre Drohungen wahr gemacht hatten und ob sie wirklich tot waren. Immer war es sein Job seine Schwäger vom Gebälk runter zu schneiden und die Polizei zu holen.

Ich habe erst sehr spät verstanden, warum er stets schweigsam war.

© avadiva 2020-07-19

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.