skip to main content

#1sommer1buch#nachbarschaft#landleben

Das Dorf, der Alkohol und der Tod

  • 323
Das Dorf, der Alkohol und der Tod | story.one

Das Dorf welches friedvoll und idyllisch auf dem kleinen HĂŒgel am Stadtrand steht, hatte in den 70igern einen schlechten Ruf. Statt des Ortsnamen wurde nur mehr vom "Henkersberg" gesprochen. UnzĂ€hlige MĂ€nner im Dorf hatten im Rausch zum Strick gegriffen und sich erhĂ€ngt. Auch all meine mĂ€nnlichen Verwandten, griffen zum Strick mit Ausnahme meines Vaters. Er bekam aufgrund der vielen Selbstmorde unter Alkoholeinfluss von meiner Mutter ein Trinkverbot verhĂ€ngt. Getrunken hĂ€tte er auch gern, aber immer, wenn er sich auf zur nĂ€chsten BuschenschĂ€nke machte drohte meine Mutter lautstark: "Das sag ich dir gleich, wenn du zum Saufen anfĂ€ngst, dann lass ich mich scheiden! Alles kann ich ertragen, nur keinen besoffenen Mann!"

Zur aktiven Freizeitgestaltung der Dorfbewohner gab es eine Eisstockbahn, ein Gasthaus mit Jukebox, 2 BuschenschĂ€nken und einmal im Jahr ein Feuerwehrfest. Es war jene Zeit in der es noch keine Warnrufe gab das Trinken und Rauchen schĂ€dlich sei. Geraucht wurde ĂŒberall und es war auch völlig egal ob Kinder anwesend waren. FĂŒr den Durst wurde Most oder Spritzwein getrunken. Wenn man Wasser trinken wollte wurde man gewarnt, dass man LĂ€use im Bauch bekommt. Bei uns zu Hause gab es auch Bier, da mein Vater in der Brauerei arbeitete und er ein bestimmtes Kontingent gratis bekam. Auch ĂŒber das Essen machte sich keiner Gedanken. Es gab in jedem Haushalt ein "St. Martiner" Kochbuch und aus diesem wurden sĂ€mtliche Speisen hergestellt. Es gab fix vorgegebene Essenszeiten und wenn einem etwas nicht schmeckte, dann gab es eben nichts oder eben erst wieder zur nĂ€chsten Mahlzeit. Wir wurden niemals gefragt was wir zum Essen wollten. Gegessen wurde das was vor uns stand.

Der Wein der im Dorf gekeltert wurde, war als Rabiatperle bekannt und hatte den Ruf nicht nur rabiat sondern auch schwermĂŒtig zu machen. Das Wort Depression kannte zu dieser Zeit keiner. Darauf wurde auch niemand behandelt und vorangeschickte Selbstmordabsichten wurden nicht ernst genommen. "Soll er halt nicht soviel saufen!"

Über den Tod der Selbstmörder waren nur wir Kinder traurig. Wir wussten nicht, was fĂŒr Dramen sich in den NĂ€chten in den HĂ€usern abspielten. Nichts davon, was der Alkohol an Wut und Aggressionen an die OberflĂ€che brachte. Was all diese Frauen durchlitten und was ihnen zugemutet wurde. Wir Kinder kannten diese MĂ€nner nur bei Tageslicht, wenn sie die Ernte einfuhren, wenn sie zum HolzschlĂ€gern aufbrachen, wenn sie die Äcker bestellten und ihrer Arbeit nachgingen. Die MĂ€nner der Nacht kannten wir nicht, diese waren uns fremd.

Heute gibt es im Dorf keine Rebstöcke mehr. Die Zugezogenen wissen nichts von frĂŒher. Heute kennt man seine Nachbarn nicht mehr. Heute ist es ein nobler Vorstadtort geworden, den man sich leisten können muss.

Im einzigen Gasthaus im Dorf da wird nicht gesoffen, da wird Wein verkostet und fein gespeist und die letzten 30 Jahre hat sich auch keiner mehr erhÀngt.

Welche Dramen es aktuell im Dorf gibt ist nicht bekannt.

© avadiva 2020-08-21

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich ĂŒber Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.