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Der Betriebsarzt

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Der Betriebsarzt | story.one

Ich beschÀftige mich sehr oft mit dem Sterben und mit dem Tod. Gerade um die Weihnachtszeit, wenn auch das alte Jahr zu Ende geht und alles unter der Schneedecke verschwindet und zu sterben scheint. Wohl wissentlich, dass alles darunterliegende sich auf das Neue, das Lebendige vorbereitet.

Gerne gebe ich es nicht zu. Aber ich lese mit Begeisterung und mit leichten Suchttendenzen die Traueranzeigen in der lokalen Zeitung und bin dann andĂ€chtig damit beschĂ€ftigt diese zu analysieren. Wenige Worte reichen um meine Fantasie zu beflĂŒgeln und mir in Trauerfarben, das Leben und das Sterben der Einzelnen in den sogenannten Trauerparten vorzustellen. Wenn in der Anzeige “unerwartet” und/oder “plötzlich” steht, dann schließe ich auf Selbstmord oder auf einen tragischen Unfall. Wenn, nach “kurzer und schwerer Krankheit” steht, dann folgere ich daraus, dass es Krebs war oder eine unheilbare Krankheit mit rasendem Verlauf. Dann gibt es noch "friedlich im Kreise seiner Lieben entschlafen“, dann bin ich mir sicher, dass ein Mensch im hohen Alter sich vom Leben verabschiedet hat. Aber wesentlich interessanter sind die Worte der Angehörigen, da versuche ich herauszufinden, wie die Familie mit dem Verlust umgeht und ob dieser Mensch wertgeschĂ€tzt wurde. Wenn dann noch ein Foto der Anzeige beigefĂŒgt ist, dann versuche ich im Gesicht des Verstorbenen zu lesen, ob er ein zufriedener, ein glĂŒcklicher Mensch oder ob das Leben ihm eine große Last war? Hin und wieder erstaunt es mich, dass Menschen nach vielen Jahren ein Inserat schalten, um öffentlich der geliebten Person (anderen aber völlig unbekannt) zu gedenken. Das verstehe ich dann nicht! GenĂŒgt es nicht ans Grab zu gehen, eine Kerze zu entzĂŒnden und dem Menschen zu gedenken? Zeigt dies nicht das Unvermögen loszulassen und/oder die UnfĂ€higkeit den Tod als Bestandteil des Lebens zu sehen? Kann eine Liebe wirklich so mĂ€chtig sein, um auf ewig daran festzuhalten? Ist nicht jedes Sterben auch eine Hymne an das Leben? Schafft nicht jedes Sterben auch ein neues Leben, neue Sichtweisen und ist nicht jeder Abschied auch ein Neubeginn? Ich weiß es nicht! TĂ€glich blĂ€ttere ich neugierig und hastig ans Ende der Zeitung um einen Blick zu erhaschen, auf das Mysterium Tod.

Heute war ein schlichtes Parte mit einem von mir sehr hochgeschĂ€tzten Menschen in der Rubrik Traueranzeigen zu finden. Ein Mensch, der mir einst den Weg fĂŒr meine SelbstĂ€ndigkeit ebnete und fĂŒr mich das Sprungbrett in einer der grĂ¶ĂŸten Konzerne in Österreich war. Es war der Betriebsarzt, der sich von meiner Konzeptidee der betrieblichen Gesundheitsförderung begeistern ließ. Der mir schon nach dem ersten GesprĂ€ch ein uneingeschrĂ€nktes Vertrauen entgegenbrachte, ohne jemals ein Zeugnis von mir zu verlangen oder auf Referenzen zu bestehen. Ein wunderbarer humorvoller Mensch, der innovative Ideen förderte und ermöglichte, sodass viele Menschen davon profitierten und sich viele Jahre daran erfreuten.

Gott hab ihn seelig!

© avadiva 2020-12-29

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