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#pflegekraft#seelenheilung#0e1

Gewonnene Jahre

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Gewonnene Jahre | story.one

Mit Spannung verfolge ich die aktuelle Sendereihe auf Ö1, die “Gewonnene Jahre” heißt. Hier wird berichtet, welche Möglichkeiten es für ältere Menschen gibt und welche Projekte vorallem in Wien umgesetzt werden. Dabei fällt mir auf, dass es sich hier ausschließlich um ganz liebe, gebildete, intelligente, reflektierte und einst gutverdienende Alte handelt. All die Interviewten sind aktiv, haben Pläne und unterstützen sich gegenseitig. Alles ist leicht und ganz einfach umsetzbar. Diese Alten sind einsichtig. Sie begreifen, dass gehandelt werden muss. Sie sind sich dessen bewusst, dass sie in eine Einrichtung mit betreuten Wohnen gehen müssen. Sie alle wollen ihren Verwandten und ihrer Umgebung keine Last sein und sie alle nehmen die genannten Projekte liebend gerne in Anspruch und dies auch ohne große Mühe. Sie lassen sich vom großen Einfamilienhaus in ein 15m2 Zimmer verpflanzen und haben keinerlei Probleme sich von ihrem Hab und Gut zu trennen und nur mehr “Persönliches” und Kleinmöbel mitzunehmen. Da spricht dann die “liebe” Seniorenbetreuerin im Radio, in einem Ton der an eine Erzieherin für schwererziehbare Kinder erinnert. “Na ja, da müssen wir dann schon ein Machtwort sprechen, wenn wieder der Tisch nicht abgewischt ist und die Brösel herumliegen. Manche halten auch die Termine in der Waschküche nicht ein, da kommt es dann schon zu Problemen, aber dafür sind wir dann ja da und sagen den ”Mäderln" wo es lang geht!" Während ich zuhöre, denke ich, ob ich mich hinkünftig von einer Betreuerin mit vielleicht 85 Jahren als Mäderl bezeichnen und vorschreiben lassen will, wann ich meine Brösel vom Tisch zu wischen habe?

In dieser Sendereihe spricht kein Mensch von den Konflikten zwischen den Gernerationen, keiner von den PflegerInnen, die sich von den Alten beschimpfen lassen. Keiner von den sturen, uneinsichtigen und bösen Alten. Keiner von jenen, die ihr gesamtes Umfeld tyrannisieren und die sich trotz fortschreitender Pflegebedürftigkeit nicht helfen lassen und unzählige 24 Stunden PflegerInnen verjagen. Keiner redet von denen die Nichts zu erzählen haben und das Nichtsagende immer und immer wieder erzählen. Von jenen Alten, die immer nur auf der Lauer liegen und über die Anderen schimpfen, selbst dann noch, wenn ihr Ende schon absehbar ist. Die trotz wolkenlosem Himmel ganz hinten am Horizont schon Wolken und den kommenden Regen sehen und die immer nur Disteln statt Blumen sichten! Die Alten, die selbst nichts mehr können und den anderen stetig sagen, was sie alles falsch machen. Warum spricht man über diese alten Menschen nicht? Warum gibt es hierfür keine Projekte und Ideen, die jenen Menschen einen Raum geben, die täglich in diesen systemrelevanten Berufen arbeiten, über pflegende Angehörige, über jene die sich tyrannisieren lassen und dabei sowenig verdienen, dass sie, selbst wenn sie im Alter geistig fit und rüstig sind niemals an diesen wunderbaren Projekten teilnehmen können.

© avadiva 2021-04-15

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