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#tod#krankheit#sucht

Ich bin der Dealer meiner Mutter

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Ich bin der Dealer meiner Mutter | story.one

Meine Mutter raucht seit ihren Jugendjahren heimlich. Sie versteckt sich im Keller, in der Garage, hinterm Haus, in einem aufgelassenen Plumpsklo im Hof. Sie hat unzÀhlige Verstecke und obwohl wir alle wissen, dass sie raucht, streitet sie es vehement mit den Worten: "Ich rauch doch nicht!" ab. Wenn ich meinen Vater frage: "Wo ist Mutter?" sagt er: "Ja, wo wird sie schon sein, in irgendeinem Versteck, beim Rauchen!"

Sie wurde in eine Zeit hineingeboren, in der es sich nicht gehörte, dass eine Frau Zigaretten raucht, Alkohol trinkt und sich schminkt. Da wurde man schief angeschaut oder im Dorf wurde sich das Maul ĂŒber so EINE zerrissen. Da sie sich nie was gönnen durfte, ihr Leben karg und die Arbeit am Hof schwer war, wurden die Zigaretten ihr Lohn, ihre Belohnung, ihre Tröster, ihre wichtigsten Begleiter. Damit sie ihren Lebensschmerz besser ertrug, gesellten sich zu den Zigaretten starke Schmerzmittel, dann Stimmungsaufheller, Antidepressiva und um die stĂ€ndige MĂŒdigkeit zu ĂŒberwinden, kamen noch Aufputschmittel hinzu. Manchmal ein Stamperl Schnaps. Schleichend kam die Sucht und nahm von ihr Besitz.

Vor 3 Wochen musste sie sich wegen anhaltender Schmerzen einer RĂŒckenoperation unterziehen. Die Schmerzmittel wirkten nicht mehr. Am Tag nach der Operation erlitt sie einen Herzinfarkt. Auf der Intensivstation war sie unruhig und aggressiv. Sie wimmerte vor sich hin und in den Phasen da sie ansprechbar war, redete sie wirres und unverstĂ€ndliches Zeug. Das Ergebnis der Herzkathederuntersuchung zeigte, dass viele GefĂ€ĂŸe verschlossen waren. Stents wurden gesetzt. Es sah nicht gut aus.

Aber mehr als die Schmerzen nach der RĂŒckenoperation und mehr als die Auswirkungen des Infarkts machte ihr der Nikotinentzug zu schaffen. Zwischenzeitlich musste sie ans Bett fixiert werden, da sie sich in ihrer Unruhe sĂ€mtliche SchlĂ€uche aus den Venen fetzte.

Wie durch ein Wunder ging es ihr nach wenigen Tagen besser und sie wurde auf eine normale Krankenstation verlegt. Sie war sehr aufgeregt und gab herrische Anweisungen. Sie redete unaufhaltsam und forderte energisch ihren Rollator. Kaum war sie unbeobachtet machte sie sich am KrankenhausgelĂ€nde auf den Weg um Zigaretten zu schnorren. Als wir davon Wind bekamen, gab es heftige Diskussionen in der Familie. Wir waren alle fassungslos. Waren wir doch ĂŒberzeugt, dass dieses dramatische Erlebnis, sie sofort zur Nichtraucherin werden ließ.

Durch die OP und den Infarkt war sie nach ihrer Entlassung in ihrer MobilitÀt eingeschrÀnkt. Ihre VorrÀte gingen zu Ende. Sie kam nicht aus dem Haus. Keiner war bereit ihr Zigaretten zu besorgen. Sie wurde mit jeder Stunde hysterischer. Sie drohte, sie schrie, sie schimpfte, sie bettelte, sie heulte. Sie griff zu ihren Psychopharmaka, erhöhte die Dosis und hoffte auf Linderung.

Nachdem es nicht mehr auszuhalten war, fuhr ich zum nÀchsten Automaten und kaufte ihr eine Schachtel Marlboro. Ich bin nun ihr Dealer, es darf nur niemand wissen.

© avadiva 2019-12-19

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