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#liebe#veränderungsprozess

Kränkung und Entwertung

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Kränkung und Entwertung | story.one

Ich lese die vorangegangenen Texte in meinem Tagebuch und stelle fest, dass alles eine ständige Wiederholung ist. Immer das Gleiche. Immer die gleichen Ärgernisse, die gleichen Kränkungen, die gleichen Demütigungen. Die Firma, die Familie, sonst kommt mir selten jemand in die Quere. Freunde und die Menschen im Außen sind mir froh gestimmt und in den Begegnungen höflich und entgegenkommend.

In der Auseinandersetzung mit Kränkung und Entwertung verstehe ich nun, dass es immer um die Wertschätzung und die Würdigung der eigenen Person geht. Eine Frage, die für mich offen bleibt, warum bin ich so sehr angewiesen auf die Wertschätzung im Außen? Im Arbeitsleben geht es um die Leistung, die man erbringt und die nicht gewürdigt wird. Im Privaten geht es um die Liebe, die man gibt und die nicht in diesem Maße erwidert wird, wie man es sich erhofft.

Ich kann mich an Zeiten erinnern, da war, es mir egal was andere von mir dachten, ich war überzeugt, dass ich so wie ich bin in Ordnung bin. Das war die Zeit in der ich mich wirklich frei und wertvoll fühlte.

Doch nach und nach wurde ich zurechtgebogen, zurechtgewiesen, getadelt, gerügt, zusammen gestaucht, mir wurden Konsequenzen angedroht und langsam und schleichend wurde ich angepasst und diplomatisch. Je mehr ich mich anpasste, umso mehr brauchte ich die Anerkennung dafür: „Ja, ich bin brav!“, „ja, ich bemühe mich!“, „ich bin fleißig“, „ich mache das gern“ usw. Ich lernte, meine Meinung hinunterzuschlucken ohne mich zu verschlucken. Ich strengte mich an ein Mensch zu sein, der in diese Gesellschaft passt. Als die Kinder kamen, wurde es noch wichtiger angepasst zu sein. Die Kinder sollten keine Nachteile erleiden. Als Alleinerzieherin wurde noch eines darauf gesetzt, da ging es dann um Verantwortung, um regelmäßiges Einkommen, um die Existenz. Auf diesem aalglatten Weg der Angepasstheit, habe ich mich verloren, mich vergessen.

Als die Kränkungen von Familienmitgliedern und von Arbeitgeberseite ständig mehr wurden, sah ich mich im letzten Lebensabschnitt stehen und ich fragte mich: “Warum muss ich es ständig jedem recht machen, warum denke ich immer an die Anderen zuerst und warum gehe ich jedem Konflikt aus dem Weg? Was trage ich dazu bei, dass alle ständig auf mir herumtrampeln und ich es niemanden recht machen kann? Wo ist mein Selbstwert geblieben und warum ist mir diese kranke Bestätigung von bestimmten Menschen so wichtig geworden?”.

Ich muss erst realisieren, dass ich mich nicht mehr anpassen, dass ich mich nicht mehr verbiegen muss. Ich habe einen wunderbaren Mann, der mich schätzt, respektiert und liebt so wie ich bin. Meine Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, meine Schulden für das Haus sind abbezahlt und in wenigen Monaten gehe ich in Pension.

Ich will nun den alten Trampelpfad verlassen und mache mich auf den Weg, um mich wieder selbst zu finden, um dann neue Wege zu gehen. David Hockney sagt: "Die Tragödie des Lebens ist, dass wir zu früh ALT und zu spät WEISE werden!”

© avadiva 2022-09-17

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