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#1sommer1buch#familie#liebe

Von einem anderen Stern

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Von einem anderen Stern | story.one

Ich bin von einem anderen Stern! Sie werden es nicht glauben und offen gestanden, ich selbst wollte es auch nicht glauben. Doch jetzt wurde ich ├╝berraschend entlarvt. Nun ist mir endlich klar, warum mein bisheriges Leben so anstrengend war. Warum ich ├╝berhaupt heil aus diesem Familiensystem heraus getreten bin. Unerkannt durch die Jahre zu kommen hat mich viel Kraft gekostet.

Als ich Mittags von einem Termin zur├╝ck ins B├╝ro kam, war unsere Sekret├Ąrin erfreut mich zu sehen und machte mir Komplimente ├╝ber mein Aussehen und meine Kopfbedeckung. Sie sagte: "Wow, du siehst so elegant und so anders aus, so als ob du gerade gelandet w├Ąrst! Wie von einem anderen Stern!" Ich wurde erkannt und gesehen.

Immer schon wurde ich staunend betrachtet, was mich wiederum zum Staunen brachte. Schon als ganz kleines Kind suchte ich wegen meiner Andersartigkeit stets nach m├Âglichen Fluchtwegen. ├ťberall war Heimat... nur nicht da, wo ich gerade war. Die Menschen, die mich umgaben, waren Fremde und ihre Sprachen verstand ich nicht. Die Missverst├Ąndnisse lie├čen mich in eine tiefe Ohnmacht fallen. Noch dr├╝ben in der lautlosen, wattebauschigen Welt vernahm ich von der Ferne die aggressiven Stimmen, die mir drohten: "das Kind geh├Ârt geschlagen! "Jetzt sch├╝ttet ihr doch einen K├╝bel kaltes Wasser ins Gesicht!", "Wir werden ihr diese Tobsuchtsanf├Ąlle schon noch austreiben!" oder: "mit G├╝te geht da gar nichts!". Flehentliche Gedanken: "nur nicht zur├╝ck!" umkreisten die groben, lauten Menschen die versuchten mich zur├╝ckzuholen. Wenn Schreien und Toben keine Ohnmacht brachten, dann narkotisierte ich mich am M├Ąhbalken mit Benzin schn├╝ffeln selbst.

Der Hof mit seinem penetranten Gestank, die Fliegen die in Schw├Ąrmen jeden Winkel des Hauses belagerten, der Dreck der ohne viel zutun vom Stall in die Wohnr├Ąume gelangte und sich ├╝berall breit machte. St├Ąndig ├╝berpr├╝fte ich, ob diese Ger├╝che an mir haften blieben, ob diese Ger├╝che nach frisch geschlachteten Tier, nach saurer Milch und Sau- und Kuhstall an mir hafteten. Dieser Ort verstr├Âmte in allen Fasern meines K├Ârpers ein gro├čes Unbehagen. Die Menschen, die meine Verwandten waren, besch├Ąmten mich mit ihren unbedachten und derben Worten. Ich genierte mich ihrer f├╝r das fehlende Gesp├╝r f├╝r alles Lebendige.

Jede Gelegenheit, die sich mir bot, nahm ich Reissaus. Doch auch ausserhalb des Systems wurde darauf verwiesen, woher ich kam. Lehrer beschimpften mich als Bauerntrampel, der zu d├Ąmlich f├╝r die Schule ist: "Geh heim Erd├Ąpfel klauben, f├╝r die Schule bist du eh zu bl├Âd!"

Nie d├╝rfen wir einen Menschen anklagen, ohne die Zeit in der dieser Mensch gelebt hat anzuklagen. Nur dann kann ein gewi├čes Verstehen entstehen.

Ja, ich bin von einem anderen Stern. Auf diesem Stern lernte ich vor allem, was das Geheimnis meiner gro├čen psychischen Widerstandskraft ist und wie man sich t├Ąglich neu erfindet, um sich selbst zu heilen.

┬ę avadiva 2020-07-27

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