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#freiheit#alter#eltern

Wohin mit meiner Wut?

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Wohin mit meiner Wut? | story.one

Als meine Kinder noch klein waren, konnte ich mir auch mit größter Anstrengung nicht vorstellen, dass sie jemals erwachsen und selbständig werden. Die schlaflosen Nächte, die ständigen Kinderkrankheiten, die permanent eingeforderte Aufmerksamkeit und die ewige Sorge um ihr Wohlergehen, ließen mich über Jahre im Kreis laufen. Der Trost an diesen schier endlosen Tagen und den schlaflosen Nächten war, dass sie entzückend, klug und gesund waren. Und... ich wusste, wenn ich Glück habe, entwickeln sie sich, sie wachsen und gedeihen. Irgendwann werden sie das Haus verlassen, sie werden ihr eigenes Leben leben und ihrer Wege gehen.

Bei meinen Eltern die nun alt und grau sind ist es genau umgekehrt. Schlaflose Nächte habe ich meist, weil sie mich ärgern und mich mit ihren Ansichten, Ansprüchen und Werthaltungen zur Weißglut bringen. Wenn sich bei ihnen beinahe täglich neue Krankheiten einstellen, dann sitze ich stundenlang in verschiedenen Ambulanzen, um sie dann mit dem Satz: "ist alles altersbedingt!" wieder mit nach Hause zu nehmen. Die Aufmerksamkeit die sie ständig einfordern, muss ich stante pede nachgekommen und wenn dies nicht der Fall ist, dann bin ich ein undankbarer Fratz, für den sie sich ein Leben lang aufgeopfert haben. Wenn auch sonst bei Beiden nie Einigkeit herrscht, so kommt dann fast gleichzeitig aus beider Münder: "Das ist jetzt der Dank dafür!" Nein, sie sind nicht herzig und auch nicht entzückend. Ihre Entwicklung läuft rückwärts und sie wachsen nicht an sich. Nein, sie schrumpfen und von gedeihen kann schon lang keine Rede mehr sein. Das Haus verlassen sie kaum und ihren eigenen Weg finden sie nicht mehr.

Es tut mir leid, liebe Menschen, ich habe nicht diese wunderbaren Eltern, die vor Weisheit strotzen und deren spannenden Geschichten man stundenlang lauscht. Auch nicht diese Sorte Eltern, die altersmilde und gelassen wurden. Nicht diese Art von Eltern, die sich schon früh darüber Gedanken machten, wie sie im Alter leben wollen, ohne auf die Fürsorge der Kinder angewiesen zu sein.

Meine Eltern sind in ihrer Altersschwäche fordernd und überfordern mich damit. Sie sind maßlos in ihren Ansprüchen und unverschämt in ihren Anweisungen! Aus lauter Pflichtbewusstsein und weil mich ihre Bedürftigkeit rührt, komme ich ihren Forderungen nach. Meine Freizeit heißt nun Pflegezeit.

Wohin mit meiner Wut? Sie stehlen mir mein Leben, meine Unabhängigkeit, meine Zeit. In den Jahren als ich nicht mehr auf sie und sie noch nicht auf mich angewiesen waren, habe ich vergessen wer sie sind. Habe sie mir als gute Eltern erfunden. Aus der Entfernung habe ich sie in ein helles Licht getaucht. In der Nähe, sehe ich ihre Schattenseiten, ihre menschliche Kargheit. Sehe sie so, wie sie wahrscheinlich schon immer waren.

© avadiva 2019-11-25

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