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»… aber nicht alle Engel können fliegen«

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»… aber nicht alle Engel können fliegen« | story.one

Himmelbergwärts führt Peter Härtling das Publikum auf seiner ›Melchinger Winterreise‹. Schon auf dem ersten Stück der Reise hoch auf die Alb im Oldtimerbus tut es gut, sich warm anzuziehen − wie es das Theater Lindenhof zu Beginn ihrer Aufführung ›Stationen für die Erinnerung‹ auch wärmstens empfahl.

Mitte Dezember 1998, die Alb im Schnee, frostige Kälte, ein eisiger Wind treibt Tränen in die Augen. Vielleicht ist es auch der Leierkastenmann, der uns auf unserer Wanderung begleitet? Der mit eiskalter Hand aus seiner Drehorgel Franz Schuberts ›Winterreise‹ herauskurbelt, den vertonten Zyklus der ›Wanderlieder‹ Wilhelm Müllers - »Und er lässt es gehen […] / Dreht, und seine Leier / Steht ihm nimmer still«.

Wir begleiten Schubert, der sein Leben lang unterwegs war, ganz und gar aus der Zeit gefallen. Der in seiner Welt lebte − einer fremden Welt, in der ihn seine Musik einholte. Der Leiermann weiß es und das Publikum spürt sie, die von Frost klirrenden Lieder »Nun ist die Welt so trübe / Der Weg gehüllt in Schnee«.

Dann, aus dem Nichts der von winzigen Eiskristallen flirrenden Kälte, kommen zarte melancholische Klänge. Ein einzelner Baum inmitten verschneiter Felder, darunter ein Klavier, dahinter sitzt fiebrig durchgefroren der vom Tode gezeichnete Schubert und spielt seine ›Wanderer-Fantasie‹. Wieder weint das Publikum »Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen«.

Man schleppt ihn zurück zum Bus, »Nun, es wird nicht weit mehr gehn / An dem Wanderstabe«, das Publikum im Trauermarsch hinterher. Der Weg führt runter ins Theater Lindenhof − auf die Bühne ›Zum blauen Igel‹, dorthin, wo Schubert seine ›Winterreise‹ komponierte. Heißen Tee gibt es und eine deftige Kohlsuppe − zu Klaviermusik erzählt Schubert von seinem vagabundierenden Leben, wie er von der Hand in den Mund lebte.

Der Vorhang fällt, es wird abgeräumt. »Nur zögernd entferne ich mich von ihm. Ich sehe ihn als einen Wanderer, der sich seiner Zeit sehr viel bewusster war, als seine Freunde ahnten« − Härtlings eigene Winterreise nimmt ihren Anfang.

Die Kindheit, die Jugendzeit − geprägt durch die Flucht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, die Härtling am Ende auf die Schwäbische Alb führte. Zunächst schweigend, ein stummer Wanderer, der vertrieben irgendwo ankam, ohne ein Gefühl dafür, angekommen zu sein. Wer Heimweh hat, muss entweder weinen oder singen. Letzteres sollte ihm nicht gelingen − stattdessen schrieb er Gedichte, die vertont wurden.

Ein gewagter Bogen wird gespannt: Von Schuberts ›Winterreise‹ zu Härtlings Liedern, auf Instrumenten gespielt, die auf der Schwäbischen Alb das Licht der Welt erblickt haben. Die Ziehharmonika wird zum Seelentröster in der Not. Von dort aus erobert das Akkordeon die Welt der Musik − raus aus dem Dunstkreis vom Kneipen, hinauf auf die Bühne von Konzertsälen.

Ein Intermezzo, das die Chiffren der Versöhnung nicht entziffert: »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus«.

© Bernd Lange 2022-04-24

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