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… nimm die Worte, die das Meer in den Sand zeichnet

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… nimm die Worte, die das Meer in den Sand zeichnet | story.one

Breitbeinig verankert … steht er am oberen Rand der Klippen. Ein leicht angefeuchteter salziger Wind treibt ihm Tränen aus den Augenwinkeln. Er schaut in die verschwommen frühmorgendunstige Melange eines gerade erwachten Tageslichts unter der unerschöpflichen Gelassenheit des Himmels über der verschwenderischen Entschlossenheit des Meeres. Vor ihm liegen noch die Reste einer Nachtruhe, eine einfache, eine eintönige, eine einsilbige Stille auf dem noch geduldig auf die Sonne wartenden Meer ... Der Leuchtturm wurzelt schweigend in den Felsen, die unter ihm steil ins Meer fallen, sein Lichtstrahl verblasst über dem Meer, verlängert die Zeitenfolge des neuen Tages. Ein nicht mehr auszumachender Rhythmus, dem er sich langsam, ganz langsam anzugleichen beginnt.

Er klettert die vor ewigen Zeiten in den Klippen herausgehauenen und inzwischen längst verwitterten, verwaschenen Felsstufen vorbei am Leuchtturm zur kleinen Bucht. Dann kommt er doch – sein herzhafter Sprung von der letzten Stufe direkt in den weichen Sand. In dieser Bucht, von der er glaubt, seiner Sehnsucht nach dem Meer gehorchend hinzugehören. Er lässt sich in den Sand fallen, die Wellen vor seinen Füßen zeichnen unentwegt prätentiöse Weichbilder am sich ständig verändernden Saum zwischen Meer und Strand. Seine Gedanken verlieren sich in der Monotonie eines auf Ewigkeit ausgelegten Refrains – er lässt sie schaukeln im Spiel der Wellen, die im Sog der steigenden Flut kanonartig alle Spuren, die der Wind über Nacht gelegt hat, verwischen.

Weit hinten, fast am Horizont macht das Meer eine andächtige Atempause, um sich auf seinen morgendlichen Auftritt vorzubereiten. Ein inzwischen blendend aufgelegter Morgenhimmel füllt die Bühne. Sein Blick verläuft sich in einen leicht errötenden Himmel, der sich seines fahlgrauen Nachtgewands entledigt, versinkt in einen Himmel, der sich noch verschämt hinter seinem Blau versteckt hält. Versonnen übernimmt das Meer dieses rötliche Rosa, seine Wellen tanzen ausgelassen mit der Farbe Ringelreihen. Und dann schaut sie erstaunt über die Horizontlinie, die samtrote Kugel, erst zaghaft, dann mutiger. Die himmlischen Instrumente stimmen ein: in Edvard Griegs Sonnenaufgang in Peer Gynt, bis die Botschafterin des Universums für einen Moment auf dem Drahtseil des Horizonts ausruht, um sich dann bis zum Mittag hin in die Lüfte zu erheben und erschöpft langsam wieder nach unten schwebt.

Er nähert sich spürbar dem Heute, dem Dasein im Jetzt da unten in seiner Bucht. Für die Dauer einer gefühlten Ewigkeit vermischen sich seine Bilder zu einer allumfassenden Schöpfungskomposition. Meer und Himmel werden zu einem ineinanderfließenden Blau – er selbst ist eingetaucht in seine eigene Gedankenwelt, ohne zu erkennen, ob er schwimmt oder schwebt. Befreit, wie erlöst … als haben ihm die Wellen, die mit ihren weißen Schaumkrönchen bereits vorwitzig seine Füße kitzeln, seine eigene Unruhe, seine Enge abgenommen.

© Bernd Lange 2022-06-07

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