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… ’was Goldiges schöpfen

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… ’was Goldiges schöpfen | story.one

»Ich bin dann ’mal weg, meinen Claim abstecken!«

»Und tschüss!«, murmelt es von den anwesenden Mitbewohnern unserer WG aus der Tiefe ihrer Kehlen, ihre Hand kurz zu einem abwinkenden Gruß erhoben. Der Weg, wie immer, führt mich ins Café ⟫Goldmarie⟪ – mein zweites Wohnzimmer, mein dritter Arbeitsplatz neben der Uni-Bibliothek, so ich die Wissensdestination noch real brauche.

Zunächst ein flüchtiger Blick durch die etwas milchigtrüben Schaufenster, die jedoch nichts zur Schau stellen. Und doch, ich erkenne sofort ein nicht zu unterschätzendes Einladungsformat: Das ⟫Goldmarie⟪ macht seinem Namen wieder mal alle Ehre – es wirtschaftet eine der durchaus mit diesem Wort zu charakterisierenden Bedienungen. Marie heißt sie allerdings nicht, doch es lohnt sich allemal, auf einen kurzen Melangebraunen – kalimperklimperdingellingelbingklong – durch die Türe mit dem unverwechselbaren Begrüßungsglockenanschlag ins Café zu fallen, um im Goldmarie mit der Goldmarie ein paar fröhlich-lächelnde Worte und herzig-reizende Gesten zu wechseln. Gedacht, getan, statt mein Augenmerk draußen auf meist geschichtsträchtige Hausfassaden zu legen, doch lieber drinnen in gesichtsprächtige Antlitze attraktiver Goldengel versinken.

Tja, wenn ich’s vorhin beim Losgehen daheim schon gewusst hätte! Statt meiner üblichen Floskel »Ich bin dann ’mal weg, Gold schürfen!«, oder ähnlich, hätte ich mich ja direkter mit einem »Ich bin dann ’mal weg, Kaffee schlürfen!« verabschieden können. Nur – verständlicher wäre ich für meine Mitbewohner auch nicht von dannen gezogen – wenn ich Kaffee sage, nimmt mich in unserer Bude sowieso keiner mehr für voll. Jedenfalls wird dieses Thema ein nettes Smalltalk-Plauder-Gesprächs-Flirt-Stöffchen zum heißen Tässchen mit der goldigen Bedienung – anrührend, aufschäumend, auslöffelnd …

Dumm ist nur, dass sich Goldmarie auch anderen Gästen widmen muss. Kalimperklimperdingellingelbingklong … und tschüss-winkend verabschiede ich mich durch die Tür. Und zugegeben, auch ein wenig bin ich durch den Wind ob dieses soebenen Anblicks eines faszinierenden Jugendstils der Moderne. Doch das gehört jetzt nicht weiter vertieft.

Wieder zurück, die 52 Stufen hoch, vor meiner Wohnungstür … während ich oben aufschließe, fällt mir aus Günter Schöllkopfs ⟫Metamorphosen⟪ in seinen Zeichnungen zu ⟫Ulysses⟪ von James Joyce sein geäußerter Terminus ⟫Großstadtmorgenluftkrach⟪ ein. Wenn ich so will, hab’ ich mir allerdings gerade eine sehr viel zärtlichere Dröhnung am späteren Vormittag gegeben …

»Ich bin dann wieder da!« – mein Echo verhallt antwortlos in der Tiefe der ewig langen Diele. So bleibt mir erspart, auf die sehr wahrscheinlich leicht ironisch gestellte Frage, was denn so abging, eine Antwort geben zu müssen. Jetzt habe ich die Muße und Zeit, mir die Frage zu stellen, warum ich hier im Kiez immer das Gefühl habe, in einem Kokon der Metamorphose zu leben … und dabei ständig auf Goldadern zu stoßen.

© Bernd Lange 2022-01-25

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