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#freundschaft#leidenschaft#alltagsheldinnen

Aus Liebe zum Kaffee

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Aus Liebe zum Kaffee | story.one

Du schaust in erwartungsvolle Augen, die dich unter dem glatt polierten Schädel aufmerksam anschauen, die gezwirbelten Enden des Schnurrbarts berühren fast die Augenwinkel, du sagst in ein strahlendes Lächeln seines Gesichts, mitten hinein: Wie immer, eine Wiener Melange ... - nicht als Frage, nicht als Ausruf, sondern mit der Betonung auf punkt, punkt, punkt. Du weißt natürlich, dass er es weiß, was du möchtest, und dass du ihn mit der Zeremonie eines Kaffee-Großmeisters kredenzt bekommst. Doch wie du ihn heute trinkst, genießen wirst, mit welchen Gedanken du den Löffel Zucker heute in der Tasse verrührst, das ist noch offen. Das ist jeden Tag anders.

Eine Wiener Melange, in einem Stehcafé, in einem Café, das süße und herzhaft belegte Backwaren in gläsernen Vitrinen ausstellt, an einer Straßenecke, die du als Pforte zum Heusteigviertel bezeichnen kannst, war vor etwa 30 Jahren in Stuttgart eine Revolution, zumindest eine Herausforderung für die etablierte Trink- und Esskultur schwäbischer Kaffeehaus-Distinguiertheit. Heute weißt du, es war der Beginn einer Neuordnung der Café- und Kaffeekultur.

Vielleicht drei Jahre später, du weißt es jetzt durch Erzählungen, es war 1992, wurde die Neuordnung geordnet. Herbert'z in seiner jetzigen Form, mit dem gleichen Ambiente wie heute, dem Geist, dem Feingefühl, dem Ort des Treffens und Begegnens, machte auf. Herbert eröffnete seine Espressobar, mit der Betonung auf "seine": Herbert'z Espressobar. Gleich gegenüber, am anderen Eck der Pforte.

Du siehst es noch vor dir, Neuordnung hieß, ein Café auf alt gemacht. Besser, das Alte wurde erhalten, harmonisch durch Antiquarisches aufgemöbelt, pardon, aufgewertet. Nein, aufgemöbelt passt doch besser hinein. Du kannst von Zeiten berichten, in denen du auf Stühlen, Hockern, in Sesseln und Couches nicht sitzen solltest, weil die darauf gehefteten Preiszettel den Anstrich eines Antiquitätengeschäfts suggerierten. Und du hast dich dennoch hingesetzt, obwohl du in einem Stehcafé deinen Kaffee doch nur stehend schlürfen durftest. Du weißt noch, wie du im Winter die bullige Hitze an deinen Füßen spürtest, wenn du zu nahe an dem Holzofen standest und darauf gewartet hast, dass der Kaffee das gleiche mit deinem Magen macht ...

Wenn du heute das Herbert'z betrittst, siehst, spürst, riechst, fühlst du, es hat sich nichts verändert. Obwohl vieles anders ist. Prunkstück damals wie heute ist die venezianische Belle-Epoque-Maschine, ein "Hochofen", aus dem mit kraftvoller Energie langsam eine tiefbraune, fast schwarze Zähflüssigkeit strömt. Eine Hommage an nostalgische Trinkkultur mit kontemporärem Seelenleben. Du schmeckst es, es ist der beste Kaffee in Stuttgart. Wie vieles, ist auch das relativ. Wenn du davon überzeugt bist, ist es für dich der beste.

Und du sagst dir, die Zeiten mögen sich von Jahr zu Jahr wirklich verändert haben, doch im Rhythmus der Gezeiten ist beim Herbert'z alles geblieben, wie es einmal begann.

© Bernd Lange 2020-09-29

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