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#schattenseiten#überwältigendeereignisse

Cala del infierno

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Cala del infierno | story.one

Regen durchnässt mich bis auf die Haut. Schon seit Stunden sitze ich versteinert im schwarzglänzenden Fels, dem die Gischt eines wütenden Meeres den Atem nimmt. Mir auch, der nur zu gut versteht, was das Meer bewegt.

Die Wellen toben immer heftiger, donnern kanonartig an die nackten Felsen. Dröhnend fegt der Sturm über mich hinweg, seine salzige Nässe brennt in meinen Augen. Das Meer vor mir − es zeigt »Das Wüten der ganzen Welt«, bis ans Ende des Horizonts, der nicht auszumachen ist. Meine Gedanken gleiten über das Meer, über unentwegt tiefdunkle Wellen − das Blau ertränkt im wolkenverhangenen Grau, die Gischtkronen blutrot angelaufen. Kein Land in Sicht − nicht einmal die blinkenden Leuchttürme meiner Einbildung bieten mir eine Orientierung. Verdis »La Forza del Destino« legt sich übers Meer − eine infernalische Fonation, Intonation, Detonation.

Meine Wahrnehmungen verschwimmen in den zurückrollenden Wellen, die sich sofort wieder im Sog neuer verschlucken. Unter mir, im Sand, der sich an die Felsen klammert, liegt ein gestrandetes Fischerboot. Verwittertes Holz, abgeblätterte Farbe, zersplitterte Planken, ein zerborstenes Ruder, zerfetzte Seile, das unaufhörlich an dem kleinen Strand von den Wellen überspült wird. Am gewölbtem Bug des Bootes lehnt ein Mann, die Ellbogen im feuchten Sand gestützt, und starrt mit leeren Augen aufs Meer. Schmale Augen unter buschigen, salzverkrusteten Brauen, Augenschlitze unter einer Stirn mit zerfurchten Linien blinzeln in einem sonnengegerbten und dennoch ausgeblichenen Gesicht. Der Strohhut auf seinem stoppelhaarigen Schädel hängt auf Halbmast, die mutlos nach unten hängenden Lippen sind ebenfalls von wilden, grauen Haarstoppeln umrahmt. Immer stärker bläst ihm der Sturm seine unbändige Kraft direkt ins Gesicht − das Atmen fällt ihm von Mal zu Mal schwerer. Die alten, durch getrocknetes Meerwasser verfilzten und jetzt wieder durchtränkten Leinenschuhe, die zerknitterte, verbeulte Latzhose, auf der sich mit jeder Windböe mehr und mehr sandiges Salzwasser verliert, das flatternde Hemd, das seinen Oberkörper mehr entblößt als ihn schützt, wie eine zerfetzte Warnflagge am Mast, geben ihm das Gefühl, ebenfalls ein Gestrandeter zu sein − weniger tot als das Boot zwar, doch der Vergleich hinkt.

Der Alte richtet sich auf, setzt sich ruckartig in eine Position, die ihm den Sturm, der immer stürmischer wird, nicht direkt in die Augen, die Nase, den Mund bläst. Mit den Fingern seiner rechten Hand, schmal, lang, dunkel, die Haut unter den Nägeln im harten Kontrast dazu fast weiß, malt er Linien in den Sand, legt er Spuren. Vergängliche, für ihn bedeutungslose Symbole, Zeichen, Muster, wie es scheint. Vielleicht sind es auch Buchstaben, Wörter, Zeilen, ganze Sätze oder auch Geschichten? Doch niemand, nicht einmal das Meer kann sie lesen, entziffern, verstehen − mit der nächsten Welle, die über den Sand leckt, sind sie vergangen, ohne das sie jemand genommen hat.

© Bernd Lange 2022-03-18

Regenwetter

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