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#kindheit#reisen#eigenartig

Déjà-vécu

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Déjà-vécu | story.one

Ich schaue nur kurz auf, löse meinen Blick und meine Gedanken von dem Buch, das mich gerade fesselt. Eine Momentaufnahme, die ich Richtung Strand und Meer dem schillernden Treiben vor und hinter der Grenzlinie zwischen Sand und Wasser widme.

Es ist der zurückliegende Sommer, ein Sommer, der dieses Prädikat nicht unbedingt verdient hat. Egal, ich darf zwei Tage an der Ostsee seminieren. Naheliegend, wenn ich schon dort bin, einige Tage dranzuhängen. Die zurückliegende Tagung und Nachtung hatte ein versöhnliches Ende – die Aussicht auf vier Tage Meer, Strand, ein wenig Sonne dazu, auf jeden Fall Entspannen, Seelenbaumeln, Genießen – abschalten und aufsaugen, wie der pulvrige Sand bei einer anlandenden Welle lechzend das Wasser schlürft.

Ich genieße also in einem der zahlreichen Strandkörbe einen der weniger zahlreichen Sonnentage in diesem August. Der Kaffee in meiner zweiten Tasse wird langsam kalt. Habe mich in mein Buch vertieft, selbstvergessen. Bis zu dem Augenblick, im wahrsten Sinne des Wortes einem Augen-Blick, der mich kurz aufschauen lässt. Ich sehe ein farbenfrohes Bild vor mir, typisch für eine Strandszene, doch nichts, das mein Ablenken weg vom Buch notwendig gemacht hätte: Kinder spielen im Sand, buddeln, schaufeln, gestalten Figuren mit Förmchen, plärren um ihren Ball, der unerreichbar auf den Wellen tanzt, lutschen Eis, essen Sand, zertreten kleine Sandburgen, laufen zum Wasser und wieder zurück, um den gefüllten Eimer direkt vor den Füßen ihrer Eltern auszuschütten und Schlammbollen zu machen. Da graben sie ihren etwas qualvoll aussehenden Vater im Sand ein, dort wiederum, teilweise noch dicke Windelpakete um den Popo, lachen, weinen oder spielen sie selbstvergnügt mit Muschelschalen oder Steinchen. Dann wieder Geschwister, die im Schlick buddeln, Gebilde bauen, die Augenblicke später schon wieder von den Wellen weggetragen werden. Im seichten Wasser, wo man noch gut stehen kann, plantschen sie mit Schwimmflügeln an den Oberärmchen …

Und für einen etwas längeren Moment als bei allen anderen sehe ich ein Bild vor mir, das ich schon einmal gesehen habe. Genau der gleiche Ausschnitt, genau die gleiche Szene, genau die gleichen Personen. Ein etwa vierjähriger Junge schaufelt Sand in sein Eimerchen, sein Vater sitzt neben ihm im Sand, seine Mutter steht hinter ihrem Mann, leicht nach vorne gebeugt und stützt sich auf seinen Schultern ab. Beide schauen lachend ihrem Kind zu, das konzentriert seiner Tätigkeit nachgeht … ein Bild, das sich in meinem Kopf eingebrannt hat.

Wenige Tage später fahre ich wieder nach Hause, das Bild gut verwahrt im Reisegepäck. Wieder daheim schlage ich das Fotoalbum auf mit den ersten Aufnahmen von mir, die meine Eltern gemacht haben. Da ist es, das gleiche Bild, das ich erlebt hatte, auf Fotopapier mit gezackten Rändern. In Schwarz-Weiß. Darunter handschriftlich die Zeile ›Ostsee ∙ August 1953‹.

Zweiundfünfzig Jahre später bin ich mir an gleicher Stelle begegnet.

© Bernd Lange 2021-02-18

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