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Ein ewiger Traum der Wiederkehr

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Ein ewiger Traum der Wiederkehr | story.one

Wenn du nichts mehr sehen kannst …, wenn alles vor deinen Augen verschwimmt, dann nimm dir fest vor, etwas sehen zu wollen. Und mit einem Mal bewegt sich der Horizont. Ein akustischer Horizont, weit weg und wieder nahe, direkt vor dir und dann wieder hinter dem Meer – ein Horizont, der deine Gedanken verwischt und wieder klarspült, wie das hörbare Bild des Strandes, mal laut, mal leise.

Vieles hängt davon ab, wie sich der erwachende Tag anfassen lässt. Wie sich die Luft über dem Meer aufglänzt, weil in diesem Moment der Horizont hell wird. Noch kannst du alles verschweigen – schlafend noch einmal das Meer sehen, bevor es wieder auftaucht aus dem Dunst. Bis der leichte Wind aus Süden, Mezzogiorno, dich aus deinen Träumen holt. Diesen Träumen, die dich übers Meer tragen, bis an diesen Horizont. Und wieder zurückschwemmen, an den Strand, dort im Licht des Erwachens, das nach Salzluft schmeckt und Pinienharz duftet.

Du steigt die paar Stufen zur Bar hoch, genau so verschlafen noch wie auch du … der Caffè durchfließt all deine Sinne. Du siehst die Berge, noch immer im Dunst, noch liegt keine Hitze über den Dächern der kleinen Dörfer. Du läufst los, ohne ein Ziel vor Augen. Die Schatten enden auf offenen Flächen, der Wind weht durch die Gärten, verliert sich an Hausmauern, die Farben blass und abgeblättert. Kinder tauchen auf hinter Zäunen. Du verstehst nicht, was sie dir sagen wollen, doch du verstehst, was sie reden.

Noch sind die Gärten nicht leer. Angefangen hat es im Frühjahr, mit Gedanken unter Bäumen, jetzt ist es stiller geworden. Nur das Zirpen der Grillen schwillt an, schwillt ab. Mehrmals am Tag wechselt das Licht, die Luft zieht fortwährend Grenzen, verändert sie, hebt sie auf, legt sie neu. Eine Katze faucht auf einer Mauer, in Höhe deiner Hüfte – ich störe die Stille, die wieder auf den Gärten liegt. Weiter vorne quietscht ein Gartentor, verrostet, halb aus den Angeln gefallen …

Warum sind die Farbverläufe am Horizont so interessant – jetzt, wenn die Sonne wieder untergeht? Obwohl es immer noch die Erde ist, die sich dreht. Kein Staub mehr in der Luft, bis zur Nacht, der nichts anderes mehr übrigbleibt, als dazwischenzutreten, ihr Sternenzelt über die Insel zum Leuchten zu bringen. Und ich am Strand sitze, mitten im Einst all dieser Veränderungen.

Noch ist es ein Traum, die Bilder verblassen, doch es geht zunehmend langsamer. So oft, bis er sagt, jetzt bin ich kein Traum mehr, jetzt bin ich ein Dabeisein, ein Dasein. Und ich mittendrin, rausgefallen aus einem Traum, der ins Offene fĂĽhrt. Mit dem GefĂĽhl, dass die Zeit dehnbar und der Raum ĂĽber den Horizont hinaus formbar ist. Es fĂĽhlt sich an, als legt sich eine neue Farbschicht ĂĽber meine Erinnerungen.

© Bernd Lange 2021-07-02

nurimsĂĽdenZeitPOESIE eines MomentsVon der Muse gekĂĽsstReflexionen

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