skip to main content

#begegnungen#menschenverbinden#kulturgeschichten

»Einsteigen bitte!«

  • 323
»Einsteigen bitte!« | story.one

… hallte es aus dem Bahnsteiglautsprecher im Tübinger Hauptbahnhof. Nur wenige Minuten später ließ der Zugschaffner in seiner gestriegelten Bahnuniform einen markerschütternden Pfiff aus seiner Eisenbahnerpfeife ertönen. Erwidert wurde die Ankündigung zur Abfahrt vom Lokführer, der auf seinem Dampfross in noch schrilleren Pfeiftönen auch den letzten noch auf dem Perron verbliebenen Fahrgästen signalisierte: Wer jetzt nicht einsteigt, sieht nur noch die roten Schlusslichter des hinteren Waggons.

Das Melchinger Theater Lindenhof brachte das Tübinger Sommertheater auf die Schiene … Abfahrt: 4.8.1999, 19:43 Uhr − Ankunft 5.8.1999, 00:47 Uhr. Die Fahrkarte versprach eine fünfstündige »Bahnfahrt über Land, durch die Geschichte und durch die Zeit. Zum 100jährigen Bestehen der Hohenzollerischen Landesbahn: … und der Raum entschwindet*« − eine Reise durch die Provinz, die Bühne auf der schwäbischen Eisenbahn, ein rollendes Theater im Takt der Gleise. Dadak dadak … − die Ouvertüre zu einer Zugfahrt, die »… ins Ungebundene geht, hinausströmt, Bewegung verschafft, den Blick öffnet*«.

Anbahnungen mit der Geschichte und mit Geschichten über die Eisenbahn. Das Theater fährt Bahn − die Schauspieler fahrendes Volk, die Fahrgäste Reisende ins Überall. Das Gleis ist Weg und Ziel zugleich. Im Abfahren liegt Ankommen − im Ankommen liegt Rückkehren. Vielleicht ist Sehnsucht nicht alles, wenn die Beschleunigung den Halt gefährdet, wenn die Beschleunigung der Sinne die Wirklichkeit verflüchtigt? »Man […] sucht nicht mehr das Weite, sondern entweicht an den Nicht-Ort der Geschwindigkeit*«. Die Geschwindigkeit lässt den Gedanken keine Ruhe, das Rollen der Räder rüttelt an Sehnsüchten, gewonnene Zeit wird zur verlorenen. »Die Eisenbahnen sind wieder ein solches providencielles Ereignis, […] das die Farbe und Gestalt des Lebens verändert […] Sogar die Elemente von Raum und Zeit sind schwankend geworden*«.

»Stockfinstere Tunnel kamen, und wenn es wieder Tag wurde, taten weitläufige Abgründe […] in der Tiefe sich auf*«. Verlorengegangene Erinnerungen werden zum Kopfkino − ständig verändernde Ausschnitte des Lebens wechseln sich ab mit starren Gedanken. Die Fahrt in die Tiefe eines Tunnels unterbricht die Bewegungslosigkeit des Blicks − Metamorphose in die erste große Liebe, den ersten erotischen Kuss.

Ein unplanmäßiger Halt auf freier Strecke bringt Gedankenreisen ins Stocken. Kellner im weißen Livree transportieren auf goldenen Tabletts Briketts vom Gepäckwagen hinten zur Lokomotive − ohne Kohle bleibt die Reise ins Überall ein unberechenbares Abenteuer. Dieses Abenteuer, an keinem Bahnhof auszusteigen, vor allem, wenn auf der Fahrkarte ein anderes Ziel steht. Endstation Sehnsucht.

Auf die Minute pünktlich fuhr der Theaterzug wieder im Tübinger Bahnhof ein. »Als ich nach einer Weile aus dem Lautsprecher hörte: ›Auf Gleis 11 steht der Schnellzug nach Singapur‹, konnte ich nicht widerstehen*«.

© Bernd Lange 2022-04-03

bühnenlebenTheatergeschichtenKunstmomenteAusflüge und Reisen mit der BahnBegegnungen

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.