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gutbürgerlich

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gutbürgerlich | story.one

Es ist absolut aussichtslos: Sich der Illusion hinzugeben, dass ein gutbürgerlicher Kaffee nach Italien duftet, dass ein regionaler Käsekuchen nach Pinien und Zitronen schmeckt, dass ein schwäbischer Gastgarten am See nach dolce far niente in mediterraner Ambiance schmeckt.

Ich spüre kein Leuchten in mir, nach sonnigen Verstecken in Schatten zu suchen – viel zu viskös. Das mit der Sehnsucht nach See ist nach meinem Geschmack gegessen – ich gehe zur Tagesordnung über, Punkt 1: Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.

Auch wenn der gebrachte Kaffee und Kuchen nicht wirklich die Krönung war, lasse ich mir die Tageskarte von der inzwischen – bedingt durch die angereicherte Mittagstemperatur – ein Knopfloch offenherzigeren Bedienung reichen. Der mir verschaffte Überblick sagt mir, mit dem Angebot klappt das nie mit einer Erwähnung im Michelin. Die üblichen Verdächtigen einer gutbürgerlichen Küche geben sich die Gabel – die Auswahl bleibt überschaubar, die regionale Küche, frisch zubereitet, ist recht einfältig: Schwäbischer Wurstsalat; erntefrische Salatplatte mit oder ohne Kretzerfiletstücken, die allerdings nicht fangfrisch vom See, da geräuchert; Bauernbratwürste mit Brot oder Kartoffelsalat; und die auf keiner Karte fehlende Tagessuppe, heute die sommerliche Gulaschsuppe mit Einlage, welche auch immer.

Darüber hinaus wurde es dann mehr überregional, gar international: der Wurstsalat als Schweizer Variante; das Schnitzel paniert nach Wiener Art, das Fleisch hoffentlich von ortsansässigen Schweinen, die Pommes dazu mehr neudeutsch, vermutlich Rot-Weiß; und das Sahnehäubchen der Restauration: Elsässischer Flammkuchen, und siehe da, den gibts auch all'italiano, ohne Speck, dafür mit Oliven – wow! Das ganze jeweils wahlweise mit Beilagensalat, gegen Obolus und am innen aufgebauten Büffet individuell variabel mischbar. Insgesamt keine Qual der Wahl.

Die Seefischhäppchen an Salat kommen ziemlich flott, allerdings auch ziemlich geschmacksneutral; das Würzequipment – Salz & Pfeffer jeweils im Tütchen, Essig & Öl in der Flasche, Senf & Ketchup in Plastik – wird nachgereicht; verfeinern geschieht nach eigenem Gusto. Was es allerdings unbedingt braucht, ist etwas herzhaft Flüssiges zum Runterspülen – quellfrisch aus heimischen Landen heißt es in der Karte. Wenn man den Zapfhahn im weitesten Sinne als Quelle sieht, ist das georderte Bier immerhin frisch gezapft.

Salopp gesagt: hemdsärmlig serviert, hemdsärmlig gegessen, hemdsärmlig abkassiert – genüssliche Sinnesfreuden wurden nicht kredenzt. Mit einem diskret finalen Bäuerchen stehe ich auf. An meinen Tisch tritt ein rüstiger Wandergesell, rot-weiß kariert, und fragt mich nach dem Bierdeckel, der unter dem leeren Krug ruht. “Ich hab ihn, der 3492ste!”, brüllt er zu seiner drei Tische entfernt vor sich hinäsenden Wandergesellin, ihr den Bierdeckel wie eine Rote Karte vorzeigend.

Endlich weiß ich, wo ich bin.

© Bernd Lange 2020-11-22

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