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»Ich will das Meer verstehen«*

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»Ich will das Meer verstehen«* | story.one

Die Brandung schäumt bis zu meinen Füßen. Wenn das Meer wieder weicht, strömen Wunder von Farben und Zeichnungen zurück in die Wellen – Bilder, nach denen ich greife, sie verfehle oder festhalte. Versuche zu finden, was die Wunder an Bewegungen versprechen. Gebe mich der wind- und meererfrischenden Sonne hin, sie lädt mich auf mit Leben.

Plötzlich eine Böe, heftige Winde grollen über die friedliche Bucht, treffen auf die Felsen. Treffen mich, wie ein Schlag ins Wasser trifft. Die Sonne schwillt rotglühend an, das Blau des Meeres flutet aus, als wolle es die Welt verschlingen. Kanonartig setzt das Farbenspiel ein. Beim Auftauchen des Blaus erreicht das Gelb-Rot seinen Höhepunkt. Es verklingt, Blau trommelt zu Grün, und alles versickert im Nichts. Ein fernes Dröhnen und Rumpeln noch … die Illusion eines Rufens: das Zerbersten der Erde – und ein lockendes Flüstern im Wind: das ewig bewegte Meer liegt ruhig vor mir.

Und dann brennt es wieder in mir, das Bild vor mir, wie jedes Mal, wenn ich an nichts denke und alles vor mir sehe: Auf dem schmalen Drahtseil des Horizonts, dort, wo dem Auge jener winzige, unsichtbare Trennungsfaden zwischen Himmel und Erde vorgetäuscht wird, tanzt einsam die Balance im Rhythmus unserer Wimpernschläge eine imaginäre Choreografie von Illusionen, die auf einer unbeweglichen, erstarrten Ebene bleibt.

Sonne und Mond spielen ihr tägliches Ritual: die eine versinkt hinter dem Horizont, der andere schaut neugierig aufs Meer. Die Leinen sind los, die Segel gehisst, die Positionslichter gesetzt. Das Mondlicht spiegelt eine leuchtende Schneise auf das tiefdunkle Nachtgewand des Wassers. Dann im Dunst des erwachenden Tages der salzige Morgentau auf der Kompassnadel. Laut Sextanten habe ich den Horizont erreicht. »In diesem Moment zerbrach, Steuerbord, achteraus, der Spiegel der See, und der große Fisch kam zum Vorschein, stieg, schimmerte silbern und dunkelblau, schien endlos aus dem Wasser zu steigen«.

Gestrandet gleich hinter dem unsichtbaren Drahtseil, kommt er mir auch schon entgegengelaufen. In der linken Hand eine fast leere Flasche Whiskey, in der rechten eine volle Flasche Wodka, für mich. Mein erster und gleichzeitig letzter Wodka, den ich in meinem Leben trinke. Ernest Hemingway, der mir die Flasche reicht … lachend prostet er mir zu, »das Meer ist der letzte freie Ort auf der Welt«. Er schaut mich an, »alles an ihm war alt, nur seine Augen nicht, und die hatten dieselbe Farbe wie das Meer und waren heiter und unbesiegt.« Eine Ewigkeit sitzen wir am Strand und hören den Wellen zu. Seine Worte nimmt der Wind mit auf seiner Reise über das Meer – »es ist gut, ein Ende der Route zu haben … Aber es ist die Reise, die zählt«.

Der Spur gefolgt, mein inneres Spüren: Ich bin angekommen. Das Ende vom Anfang meines Weges habe ich erreicht. Den Anfang flüstern mir die Wellen jeden Tag aufs Neue.

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(*»Quiero comprender la mar« – Ernest Hemingway im Interview mit dem TV-Reporter Juan Manuel Martínez / Oktober 1954)

© Bernd Lange 2021-07-15

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