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#stille#poesie#nurimsĂĽden

Im Einklang mit den Gezeiten

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Im Einklang mit den Gezeiten | story.one

Manchmal braucht es einfach ein bisschen mehr an Zeit, um zu verstehen, dass du irgendwie angekommen bist. Wobei sich das Irgendwie daran festmachen lässt, dass es sehr viel intensiver ein Irgendwo ist. Irgendwie, irgendwo … entscheidend zeigt es sich im Irgendwann. Du wachst aus deinen Gedankengängen auf, die sich mit dem Augenblick vermischen. Und du spürst, jetzt ist für dich der Zeitpunkt gekommen, angekommen zu sein.

Du siehst es vor dir, dein Meer. Wenn der Wind deine Haare vermisst, wenn jede Welle ein Seufzer und jedes Sandkorn ein Blick von dir ist. Auf der Wellenlänge eines Gedankensprunges fehlt der Erinnerung die Vorstellungskraft des Vergessens. Die Erinnerung geht mit dem Wind, mit den Wellen, mit den Sandkörnern auf Reise.

Später dann, wenn die ersten Sterne die Nacht einleuchten, gehört es dir, das Meer. Nicht ganz, es sind die Boote der Fischer weiter draußen, die Positionslichter blinzeln Zuversicht. Der Strand jedoch, dort, wo die Wellen jetzt kräftiger am noch vom Tage aufgewärmten Sand lecken, bleibt dir allein. Blech und Horn der langsam steigenden Flut spielen dir die unendlich fließende Sinfonie sanfter Töne. Fisches Nachtgesang. Und als dann auf der Wasseroberfläche vor dir der Mond eine seiner zauberhaften Geschichten tanzen lässt, spürst du die Ruhe, die dein Meer dir lächelnd schenkt …

Links, in weiter Ferne, blinkt dir der Leuchtturm seinen Traum von fernen Meeren, denen er nie begegnen wird. Rechts, ganz am anderen Ende des Strandes, erwähnen zahlreiche Lichter im vom Wind zerfetzten Worten das Leben eines Fischerdorfes an den Felsen über der Bucht.

Heute, tagsüber, macht selbst das Meer Urlaub. Der Regen füllt seine Oberfläche mit lauter süßen Tropfen. Tropfen, die aus unruhigen Wolken fallen. Aus tiefhängenden, vorbeifliegenden Wolken, die im Schlepptau stürmischer Winde übers Meer und weiter über den Strand bis hin zu den Felsen landeinwärts ziehen. Grauglänzende Felsen, hier und da vom Ginster gelb bemalt, die ihnen, den regenschweren Wolken, so scheint es, grollend im Wege stehen.

Tropfen laufen über dein Gesicht, tränen in den Augen, schmecken salzig. Sie haben sich vermischt … die, die aus den Wolken fallen, mit denen, die der Wind dir aus der Gischt ins Gesicht bläst.

Du bist dir sicher, dass es sich wundervoll anhören muss, wenn du schweigend am Saum des Meeres entlanggehst … wie dann sogar alle Gedanken verstummen, sich zärtlich berühren. Die Brandung schäumt bis zu deinen Füßen, spielt mit Holzstücken, Strandgut, das die Wellen über den gesamten Strand bis an den Fuß der Felsen spülen. Wenn das Wasser zurück ins Meer weicht, bevor es wieder von der nächsten Welle überrollt wird, strömen trotz der Grau-in-Grau-Stimmung Wunder von Farben und Zeichnungen zwischen deinen Füßen – Muschelreste, Seestern- und Seeigelstücke, Glassteinchen, zermahlene Kiesel, Algengrün, verfilzte Seegrasbällchen, Möwenfedern …

Das ewig bewegte Meer, es spielt mit dir und du spielst mit ihm.

© Bernd Lange 2021-05-23

nurimsĂĽdenStillePOESIE eines Moments

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