skip to main content

#stille#changesinlife#lebedeineträume

Im rückwärtigen Fenster

  • 329
Im rückwärtigen Fenster | story.one

Der Wind zeigt keine Farbe, er gönnt sich eine kurze Verschnaufpause. Für Momente kommen die Schneeflocken zur Ruhe. Abwärts schweben sie, die einen schneller – die anderen, langsameren, werden überholt; dann gaukeln sie wieder aufgeregt durcheinander durch die Dunkelheit eines frühen Abends, durch die goldgelben Lichtkegel der wenigen Straßenlaternen.

Ich schaue in die Fenster der Häuser, manche dunkel oder mit dicken Gardinen zugehängt, andere mit warmem gelbem Licht dahinter. Ich ertappe mich, wie ich neugierig in ein still beleuchtetes Zimmer blicke. Mich verzaubert ein Stillleben, während mir der kalte Wind den Schnee ins Gesicht weht, die Kälte durch meinen Körper kriecht und sich nach etwas Warmem sehnt.

Da steht die Schale aus Porzellan, mit den seltsamen Füßen, als wäre sie ein Schwan, der aus dem Wasser an Land gestolpert ist und nun nicht weiß, wie er stehen soll. Auf der Fensterscheibe Tränen, Schneekristalle, die zu molligen Tropfen geworden sind und zerfließen. Doch sie verschwimmen vor meinem Auge, wenn der Blick nach innen gerichtet ist. Auf die ovale Porzellanschale, elfenbeinfarben mit vergoldetem Zierrand, Erbstück ihrer Mutter, meiner Großmutter – die Schale, die meine Mutter immer mit Obst gefüllt hat, wenn wir vom Markt kamen.

Drei, vier, auch mal sechs Äpfel nebeneinander, wie zufällig reingekollert. Nie lagen sie aufeinander, Mutter achtete darauf, dass sie ja nicht auf die Idee kamen, in ihrer Schale schnell auf der faulen, auf einer verfaulten Haut zu liegen. Da schlummerten sie, rotgelb marmoriert der eine, gelbgrün moiriert der andere, von goldgelb bis goldorange changiert, mal kleiner, mal größer, aus einigen schaute noch der kurze Stiel, früherer Nabel zum Lebenssaft, aus der trichterförmigen kleinen Senke. Blassorange, fast gelblich dazwischengemogelt Apfelsinen, immer ein wenig duftend, was durch ihre unebene Haut, die wie vernarbt aussah, entströmte. Dennoch fühlte sich ihre Schale so wunderschön glatt an; ich habe ihnen gerne mit den übrig gebliebenen Resten meiner abgekauten Fingernägel in die Haut geritzt, habe sie lieber gerochen als gegessen, dieses Bittere und Süße zugleich.

Jetzt, im Augenblick des Innewohnens in meinen Gedanken, in Farbtönen, die Wärme ausstrahlen, sehe ich mein Spiegelbild vor mir – damals als Kind. Im Spiegel einer um 180° seitlich gedrehten Perspektive. Ich stehe draußen in diesem schwarz-weißen Kontrast, die Nuancen schraffiert. Und schaue nach innen, auf ein Bild der Erinnerung in stillen Tönen, ineinanderverschmelzend die Oktaven.

Ist es eine wiedergefundene Zeit, in der sich die Horizonte verwischen, die sich einlässt auf gedankliche Grenzüberschreitungen? Oder vermischen sie sich in das Stillleben – in die Stille einer Obstschale mit den Schneeflocken in ihrem taumelnden Zauber, die viel zu schnell auf der Zunge zergehen? Gedankenleicht beladen, folge ich im jungfräulichen Schnee den Spuren, die ich eben gegangen bin.

© Bernd Lange 2020-12-11

changesinlifeKindheitFensterZEITGESCHICHTE/N

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.