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Indem sie hinausgeht, geht sie hinein

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Indem sie hinausgeht, geht sie hinein | story.one

Vom Gestern ist die Rede. Nein, ihr Schweigen. Obwohl sie die Vergangenheit nicht mehr erwähnen will, die Fischerboote in der kleinen Bucht, die leise die Melodie des Träumens summen, wenn Wellen die farbig stumpfen Wände umspülen. Sie auch nicht mehr daran erinnert werden will, obwohl diese Stille für sie immer noch der Anfang aller Inspiration ist.

Im Fenster findet sie den täglich wiederkehrenden Ausschnitt der Nacht. Einen Ausschnitt, der ihr die Sehnsucht von der Unendlichkeit des Himmels zaubert. Der ihr übergangslos die Illusion von der Unendlichkeit des Meeres erklärt. Vergeblich erklärt. Sie spürt die milde Luft, die im Nachtwind weit draußen mit den Wellen spielt. Nur ein einziger Augenblick ist es, in dem sie an den Ort wechselt, der ihre Zeitenfolge verwischt. Es gelingt ihr auch in dieser Nacht nicht, diesem Augenblick zu widerstehen. Sie erreicht, ohne es zu wollen, diesen Moment, in dem Gegenstände und Bilder übereinstimmen.

Die Milchstraße funkelt wie eine Quarzader im dunklen Fels. Pinienbäume greifen mit ihren durch den Wind bewegten Armen nach dem Mond. Sie hat nie richtig erkennen können, wie der Himmel zwischen den Zweigen seine Zufälle inszeniert. Es gibt auch keine Notwendigkeit mehr. Sie hat sich fest vorgenommen, nichts mehr sehen zu wollen. Und dann bewegt er sich doch wieder, der Horizont. Die dünne Linie, die auf den Wellen schaukelt. Sie kann das Bild nicht verwischen, es verschwindet nicht im nächtlichen Dunst, der so verführerisch nach Salzluft und Pinienharz schmeckt.

Sie sieht, wie die seichten Wellen, Sahnehäubchen auf Sandkuchen, den Strand hinanhuschen. Um gleich wieder hinabzutauchen in die Willkür der Formen und Farbnuancen. In die Zufälle, die ihre Gedanken beim Blick aus dem Fenster komponieren. Das Meer verschluckt die Worte wie Spuren im Sand, um die Stille des Tages zu erklären. Sie glaubt noch immer, dass ihr Traum ins Offene führt. Sie spürt, dass er sie an den Strand führt, um ihr Erwachen dort ins Nichts aufzulösen. Und sie hofft, dass der Morgen noch einmal zurückkommt, an dem die Sonne keine Schatten wirft. An dem die Fragen nicht stumm bleiben, die tief unter die verwitterten Farbreste auf gestrandeten Holzplanken gehen.

Mehrmals am Tag wechselt das Licht, Wolken schieben sich durch die Sonne. Sie erkennt zwischen den leuchtendgrünen Blättern und blassrosa Blüten der Heckenrosen, die sich an weißgetünchte Mauern lehnen, das zwiespältige Leben der Spinnen, wie sie beschäftigt sind mit ihren Systemen der Zuversicht. Sie lernt daran die Neuigkeiten der Wiederholung.

Es riecht wieder nach untergehender Sonne, die Sonnenblumen in den Gärten sind bereit, Schatten an die Hauswände zu werfen. Durch die Gärten geht eine bewegungslose Stille. Bis die Nacht wieder dazwischentritt. Und sie mittendrin ist, in all diesen Veränderungen des Einst. Der Schrei einer Möwe zerschneidet ihren Horizont. Das Einst ihres letzten Sommers ist vorbei, ohne dass sie es genommen hat.

© Bernd Lange 2020-10-16

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