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Lockruf

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Lockruf | story.one

Den nach Salzluft riechenden Lockruf hatte ein kalter Wind verweht. Launige Böen, die mich noch hätten erreichen können, brachte eine unerwünschte, um mich herum hastig aufgebaute Schallmauer zum Schweigen. Das Meer schaukelte in weiter Ferne, unhörbar, unerreichbar; leckte am anschmiegsamen Sand, umarmte entschlossen die Felsen, küsste das verwitterte Fischerboot in meiner kleinen Bucht ... ohne mich.

Die Sehnsucht nach meinem geliebten Meer durfte sich dieses Jahr nicht in mein Ohr legen. Ich hörte einem anderen, ungewohnten Rufen zu, einem Sehnen nach See. Die angrenzende Umgebung meiner Heimat stellte sich der Herausforderung, mich anzulocken: Der See rief – lieblich, mild, süß statt kräftig, würzig, salzig.

Ich bin der säuselnden Verlockung gefolgt. Doch aus der aufkeimenden Seesucht konnte keine Sehnsucht nach See erwachsen. Sie blieb blass, vergleichbar mit der milchigblauen Wasseroberfläche. Der See, durchaus liebreizend anzuschauen, wie er schlankweg geschmeidig ins Landschaftsgefüge eingebettet liegt; vorne mäandernde Uferbegrenzungen mit begrasten, beschilften Böschungen, perforiert unterbrochen mit Gekieseltem, im beschaulich schwappenden Wellenplätschern, insgesamt lamentoresistent und überschaubar.

Der Horizont, der sich am Meer als dünner Trennungsstrich zwischen dem Blau des Wassers und des Himmels abzeichnet, lässt sich hier am See nicht ausmachen. Hinter dem jenseitigen Ufer baut sich ein massives Bollwerk auf. Tektonische Verwerfungen, Risse, Spalten, Schründe, Narben – das Wetter hat über Jahrmillionen der Fassade zugesetzt. Majestätisch, als wären sie inszenierte Kulisse, schauen die Kolosse auf den See tief unter sich; an ihren Füßen kitzelt streng geordnetes, auf Stöcken balancierendes Grün mit noch nicht ausgereiften kugeligen Früchten ein Stück weit hoch – Rebenhänge, als gedeihen sie in einer Baumschule.

Morgens anhänglicher Dunst löst sich nur bedächtig in Wohlgefallen auf. Noch undurchsichtig schaut die Sonne durch den trägen Brodem auf das langweilige Treiben im Wasser. Später dann lässt sie ihre Muskeln spielen. Auf der schläfrigen Wasseroberfläche ziehen Segelboote belanglos ihre Spuren, um sie gleich wieder zu verwischen. Ein Ausflugsdampfer pflügt zielstrebig seinem nächsten Anlandeplatz zu. In Ufernähe legen sich leichte Wellen ins Zeug, schaukeln Enten und Wasserhühner über Gekräuseltes, um abzutauchen ins Reich der Nahrungsaufnahme, die einen gemächlich schnatternd, die anderen pfeilschnell, um woanders wieder kopfzuckend nach Luft zu schnappen.

Das alles überspannt ein blankgeputztes Himmelsblau, ein paar wattebauschige Polierfussel sind bei der morgendlichen Reinigung hängengeblieben. Das Gewölbe weit oben gewollt aufgebrezelt, doch es steht ihm gut zu Gesicht. Man könnte sich daran sattsehen. Apropos satt: Die Glocke im Kirchturm bittet zum Mahl in den Gastgarten fußläufig der Wirtsstube. See hin oder her.

© Bernd Lange 2020-11-19

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