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#leidenschaft#sprechendedinge

Lust auf das Leben hinter den Wolken

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Lust auf das Leben hinter den Wolken | story.one

Irgendwann, spät im Dunkel der Nacht, beruhigt sich langsam die Landschaft des Lebens. Draußen, hinter den Vorhängen, verschlucken Wolkenfetzen das fahle Licht des Mondes. Für eine Weile vergrabe ich den Kopf in meine Hände. In die Finger der Hände, die über Stunden zuvor die alte Olivetti auf ihren abgenutzten Tasten gequält haben.

Reflexionen geschehen auf einem Blatt Papier. Auf vielen Blättern inzwischen. Ganz allmählich verlasse ich meinen Horizont. Kaum spürbar jongliere ich mit den Worten, die anfangen zu tanzen, die immer wieder neue Choreografien erlauben. Ich möchte in das Dunkel des eigenen Lebens reinschauen, meine inneren Räume entlangfahren wie auf einer Landkarte der selbst ernannten Exkursionen.

Es gelingt mir nicht. Noch nicht. Langsam, kaum fühlbar, entrinne ich der schwerfälligen und fast schon störrischen Erhebung meiner Gedanken. Ich gleite aus dem Gleichmaß bewusster Schöpfung. Lust auf das Leben hinter den Wolken macht sich in mir breit. Aus einem Seifenblasenkokon schlürfe ich die letzten Stunden meiner Worte ...

Erinnerungen werden wach.

Ich spüre noch einmal das letzte Frühjahr. Zwischen dem zarten Grün der jungen Blätter lässt das langsam aufatmende Licht der Sonne bunte Flecken tanzen. Zwischendrin tönt Frösches Morgenchoral, f-Moll, der Dirigent hat noch viel Arbeit, Tonleiter und Einsatz zu koordinieren.

Ich fühle noch diesen Sommer, sehe im aufgeheizten Zwielicht der Nacht die Sterne leuchten. Und muss einsehen, dass das Schaukeln der Milchstraße ein unlösbarer Wunsch bleibt.

Ich rieche den beginnenden Herbst. Blutrot fallendes Laub, fallobstbedeckte Wiesen, goldgelbe Stoppelfelder. Stehe vor einem verwunschenen Tümpel, auf dem Wasserläufer im Gegenlicht tanzen und darüber Libellen, auf der Stelle schwebend, nicht abstürzen.

Ich lausche dem kommenden Winter. Rede mit dem alten Baum, an dessen Stamm ich mich so oft anlehnen durfte. Berühre zaghaft das vernarbte Herz, das zwei Menschen für immer und ewig als Erinnerungsspuren in der faltigen Rinde hinterlassen haben.

Auf einmal öffnet sich der Kokon, alle Ströme fließen. Die Olivetti als endloser Ozean. Einfälle blitzen wie Flossen auf springenden Fischen. Der Anfang dieser Geschichte explodiert in meinem Kopf. So wie ein erster Kuss erotisierend den Körper durchströmt ...

Beim ersten Sonnenstrahl entfernt sich das Gefolge meiner poetischen Kräfte. Ich muss feststellen, wer die Gedanken im Dunkel der Nacht zu lange laufen lässt, kann Entfernungen nur schlecht abschätzen. Der Alltag schleicht sich wieder ein: die Rückkehr mit kleinen Schritten in die Unbedeutsamkeit. Doch mein träge getränktes Hirn ist noch nicht bereit, kopflose Bewegungen fugenlos dem täglichen Einerlei anzupassen.

Ich will dem neuen Tag noch nicht begegnen, suche für eine letzte Weile Aufschub im morgendlichen Dämmerzustand. Und dann sehe ich es vor mir, das flüchtige Bild in meinem Gepäck, das unbeschreibbar viel erzählen kann.

© Bernd Lange 2020-07-28

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