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Melange

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Melange | story.one

... ups, unversehens fällt ein Engel aus einem Stück heiteren hellblauen Himmel, gerade eben zwischen zwei Gedankenmomenten. Er, der Engel, obwohl es gemeinhin ein weibliches Wesen ist, plumpst etwas unsanft direkt auf das nur leicht dunklere Blau der Tischoberfläche vor mir, auf den Tisch, an dem ich sitze. Ich bin mir fast sicher, er hat sich mit seinem Vomhimmelpurzeln einfach nur vertan, so überrascht, wie er mich anschaut. Der Tisch, der blaue, ovale Holztisch nimmt alles, wie es kommt, mit seinem Charme auf der leicht porösen Farboberfläche, hier und da mit einigen aufgeplatzten Unebenheiten in seiner Maserung, in der Faserung, die unzählige Geschichten erzählen könnte.

Mit dem Charme des süßen Nichtstun ist das so eine Sache. Eine typische Wiener Kaffeehauskultur, diese ganz besondere Kaffeekultur, die es so nur in Wien gibt, spürt der Gast hier nicht. Wenn ich mich in diesem Falle als Gast bezeichnen darf; doch ich möchte, wenn ich in diesem Café sitze, nicht in meinem Gedankenknäuel über die Kultur, womöglich noch über Kult rumphilosophieren, mir reicht es, wenn ich hier rumsitzen kann.

Seine Zeit lässt sich hier wegsitzen. Wie ein Gast seinen Kaffeegenuss in Balance mit seinem Gleichgewicht oder auch seinem Ungleichgewicht hält, findet meist im Stillen statt. Einen Schluck des göttlichen Getränks im Einklang mit sich selbst findet hier, wer sich darauf einlassen will, seine ausgleichende Gerechtigkeit.

Mein Blick bleibt an den drei Pendeluhren hängen, an der Wand gegenüber gleich neben dem Fenster, das den Raum auf die gegenüberliegende Straßenseite offen lässt. Antiquariat wie so vieles, was hier an den Wänden und von den Decken hängt und sein eigenes Leben führt. Die Pendel der Uhren bewegen sich im harmonischen Einklang, im gleichen Takt, links, rechts, links, rechts, choreografisch perfekt inszeniert. Mein Blick schweift nur für einen Moment ab, und einen winzigen Augenblick weiter ist das Gleichgewicht aus den Fugen geraten. Nicht meines; die Pendel nehmen, jedes für sich, ihren ganz persönlichen Rhythmus auf, bringen die für kurze Zeit gesetzte Harmonie durcheinander. Mollakkorde sind es keine, die die Uhren jetzt unterschiedlich anschlagen. Nur, wer genau hinhört, wird erkennen, dass das Taktgefühl immer auch eine Sache der Einstellung ist. Dann wieder haben sie sich, die Uhren, im Gleichklang eingependelt, bevor sie aufs Neue ihren eigenen Bewegungen, ihrem eigenen Lebensrhythmus folgen.

Ich ertappe mich in meiner Eigenart, um mich herum alles zu vergessen, gar nichts wahrzunehmen. Meinen Gedanken freien Lauf zu lassen – ich betrachte dies als eine Gewohnheit im besseren Sinne – kann ich in diesem Café wunderbar, auch wenn um mich herum jeder Platz besetzt ist, auch wenn freundliche Bedienungen mir hin und wieder zulächeln, auch wenn der bullernde Ofen, in dem die Holzscheite knistern und lodern, etwas Heimeliges vermittelt. Ich bleibe an solchen Tagen gerne bei mir, gerade hier.

© Bernd Lange 2020-06-22

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